Vegan für Anfänger

Vegan für Anfänger – ein Interview

Wir freuen uns, heute ein Gast-Interview mit Paulina Gamperl, BSc. [Biologin, Medizin-Studentin im letzten Abschnitt] zum Thema „Vegane Ernährung“ posten zu können! Die Fragen sind bewusst aus der Sicht von Nicht-Veganer:innen gestellt, der Fokus der Antworten liegt auf dem gesundheitlichen Aspekt. [Mehr über Paulina erfährst du hier]

cont[act]: Paulina, was heißt eigentlich „vegan sein“?

Erst mal ist eine ‚vegane Lebensweise‘ von einer ‚veganen Ernährung‘ abzugrenzen. Wer vegan lebt, meidet tierische Produkte jeglicher Art, das heißt sowohl tierische Nahrungsmittel als auch tierische Produkte wie Leder, Fell und Pflegeprodukte, bei deren Herstellung Tierversuche durchgeführt werden. Außerdem werden Getränke wie Wein, Mineralwasser und Säfte gemieden, die mit Gelatine gereinigt werden. Die Motivation dieser Lebensweise ist dabei meistens ethisch begründet. Eine pflanzliche Ernährung hingegen bezieht sich auf die ausschließliche Verwendung von pflanzlichen und möglichst unverarbeiteten Nahrungsmitteln – tierische Produkte sowie hochverarbeitete Käse- und Fleischersatzprodukte werden vermieden. Die Motivation einer pflanzlichen Vollwertkost ist das Streben nach einer gesünderen, nachhaltigeren und ethisch vertretbareren Ernährung.

cont[act]: Ist eine vegane Ernährung automatisch gesund?

Eine vegane Ernährung ist nicht automatisch gesund – sich gesund zu ernähren ist aber für manche Veganer:innen auch nicht die oberste Priorität. Es gibt viele – wie ich sie nenne – ‚Junk-Food-Veganer‘, die sich überwiegend von hochverarbeiteten und vor allem fettreichen Ersatzprodukten ernähren – das freut zwar die Tiere, der eigenen Gesundheit ist der häufige Konsum solcher Produkte aber nicht unbedingt zuträglich.

cont[act]: Was genau ist also gesund an einer pflanzlichen Ernährung?

Zur Beantwortung dieser Frage könnte man ein ganzes Buch schreiben (lacht). Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Vermeidung von tierischen gesättigten Fetten sowie Cholesterin ausgesprochen gut auf das Herzkreislaufsystem auswirkt. Pflanzliche vollwertige Fette, also solche, die wir in Oliven, Avocados, Nüssen, Samen und Kernen finden wirken sich hingegen positiv auf Blutdruck und Blutfette aus. Die Vermeidung von tierischen Proteinen lässt außerdem das Krebsrisiko sinken! Heute weiß man, dass tierische Proteine körpereigene Wachstumsfaktoren ansteigen lassen und somit die Entstehung von Tumoren begünstigen. [siehe z.B. Dahlke, 2011:33ff und 48ff.]

cont[act]: Brauchen wir nicht die Proteine, die in Milch und Fleisch enthalten sind?

Es gibt 8 essentielle Aminosäuren, die der menschliche Körper nicht selbstständig herstellen kann und die wir daher über die Nahrung aufnehmen müssen. Diese 8 Aminosäuren findet man problemlos in pflanzlichen Produkten wie z.B. Linsen, Bohnen, Tofu, Quinoa, Vollkornprodukte, Nüsse, Spinat oder Pilze. Außerdem möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass wir weit weniger Proteine brauchen als heute diverse Zeitschriften und vor allem auch Lebensmittel-Werbungen behaupten. Die essentiellen Aminosäuren müssen wir tatsächlich nur in wenigen Gramm zu uns nehmen – alle anderen Aminosäuren kann der menschliche Körper bei Bedarf selbst herstellen. Der Protein-Hype ist ein sehr junger Trend und hat seinen Ursprung in dieser Form erst in den 90er-Jahren! Warum? Proteine sind teuer. Der Verkauf von Shakes, Pulvern und tierischen Produkten ist ein lukratives Geschäft.

cont[act]: Ist Milch denn nicht gut für unsere Knochen?

Hier ist genau das Gegenteil der Fall! Milch, aber vor allem proteinreichere Milchprodukte wie etwa Hartkäse, wirken sich negativ auf unsere Knochendichte aus. Grund dafür ist der hohe Anteil an tierischen Proteinen, die im Körper sehr sauer wirken – da der pH-Wert im Blut aber ständig konstant gehalten werden muss, wird Bikarbonat aus dem Knochen als basischer Ausgleich verwendet. Bei diesem Prozess werden allerdings auch Phosphat und Calcium aus dem Knochen gelöst, welche dann über den Urin ausgeschieden werden! Jetzt mal ganz salopp formuliert: Wer Milchprodukte verzehrt, pinkelt anschließend seine Knochenmasse aus oder baut sich damit vielleicht sogar einen schönen Nierenstein (lacht). [Anm.: einige interessante Artikel und Studien über den Zusammenhang von Milch/Milchprodukten und Osteoporose finden sich z.B. auf Dr. McDougalls Website]

cont[act]: Wie schaut es mit Sojaprodukten aus?

Traditionelle Sojaprodukte wie Tofu oder Seitan, aber auch Produkte aus ganzen Sojabohnen sind unbedenklich und eine gesunde Alternative zu Fleisch. Hochverarbeitete Ersatzprodukte mit dem sogenanntem Sojaisolat als Inhaltsstoff sind nicht zu empfehlen, da sie ähnlich wie tierische Proteine bestimmte Wachstumsfaktoren ansteigen lassen und damit ebenfalls Krebs begünstigen können!

cont[act]: Auf vegane Ernährung umzusteigen ist doch viel zu umständlich… oder?

Pasta, Gnocchi, Reis, Kartoffeln, Brot, vegane Butteralternativen, Marmelade, Hummus und andere vegane Aufstriche, Gemüse, Tomatensauce, Obst, Hülsenfrüchte, Mais, Haferflocken, Müsli und vegane Milch (z.B. Hafermilch, Sojamilch oder Mandelmilch) in den Einkaufswagen legen und einfach mal schauen was passiert! 🙂 Pflanzliche, gesunde Nahrungsmittel sind uns allen sehr vertraut und solange der Kühlschrank leckere Alternativen bereit hält, ist der Umstieg leichter als man denkt! Außerdem – nur der Anfang fällt schwer, bereits nach wenigen Wochen passen sich unsere Geschmacksknospen an und dann „gelüstet“ es einen nach frischem Obst und Gemüse und nicht mehr nach Fleisch, Fisch oder Milchprodukten.

cont[act]: Sich vegan zu ernähren ist extrem teuer… oder?

Das hängt sehr von den Produkten ab. Vegane Ersatzprodukte (und überhaupt Produkte, die als ‚vegan‘ deklariert sind), fallen meist eher teurer aus – vor allem auch deshalb, weil vegane Produkte momentan im Trend liegen! Allerdings hab ich noch auf keinem Kartoffelsack das Wort ‚vegan‘ gelesen, was wahrscheinlich mit ein Grund ist, wieso sie vergleichsweise günstig sind! 😉 Wer seine Ernährung also auf Reis, Kartoffeln, Nudeln, Hülsenfrüchte und Brot aufbaut (was allesamt eher günstigere Nahrungsmittel sind), kann dabei sogar noch Geld sparen – schließlich gehören Fleisch, Fisch und Käse auch nicht gerade zu den günstigen Produkten! Auch frisches Obst und Gemüse muss nicht teuer sein – Äpfel, Gurken, Kraut, Karotten, Zwiebeln, Salat und vieles mehr bekommt man beispielsweise für sehr wenig Geld.

cont[act]: Wie mache ich es im Restaurant oder wenn ich eingeladen bin?

Im Restaurant ist es leichter als man denkt! In der italienischen Küche bieten sich zum Beispiel Spaghetti mit Tomaten und Basilikum oder eine Pizza Verdure (belegt mit Gemüse) ohne Mozzarella an. In der asiatischen Küche ist die vegetarische Option meist auch vegan, da oft sowieso keine Milchprodukte verwendet werden – hier ist allerdings auf Ei zu achten! Veganes Sushi mit Avocado, Gurke, Tofu, Kürbis, Pfifferlingen oder Spargel lohnt sich zu probieren, es schmeckt köstlich! Selbst in der deutschen/österreichischen Küche kann man Kartoffeln mit saisonalen Grillgemüse und Salat bestellen!

cont[act]: Wie sieht es mit Vitamin B12 aus – man hört immer wieder, dass das eine vegane Ernährung nicht liefern kann…

Vitamin B12 ist ein Vitamin, das von Bakterien in der Erde und im Dickdarm produziert wird. Früher konnte man durch den Verzehr von ungewaschenem Obst & Gemüse aus gesundem, biologischen Boden mit hoher Nährstoffdichte genügend B12 zu sich nehmen, doch heute geben das unsere Böden nicht mehr her. Die empfohlene Tagesdosis an Vit. B12 sind 3µg – ich empfehle die Substituierung von B12 über Nahrungsergänzungsmittel (hier gibt es auch vegane Präparate ohne Gelatine). Einige vegane Produkte sind außerdem mit B12 angereichert, hier sollte man allerdings genau nachlesen, damit man auch wirklich den Tagesbedarf abdeckt.

cont[act]: Hast du noch zusätzliche Tipps für den Umstieg? (Bücher, Filme, etc.)

Der Umstieg fällt umso leichter, je informierter man ist! Sehr zu empfehlen sind die beiden Dokumentationen ‚Gabel statt Skalpell‘ und ‚Food Inc.‘! Auch Bücher und Artikel von Dr. Rüdiger Dahlke, Dr. John McDougall und Dr. T. Colin Campbell sind sehr informativ und helfen, nach und nach seine Ernährung umzustellen. Generell rate ich: Es muss nicht von heute auf morgen geschehen – mal mit kleinen Dingen anfangen, beispielsweise die Milch mit Soja-, Hafer- oder Mandelmilch ersetzen. Dann vielleicht mal den Fleischkonsum reduzieren, irgendwann ganz darauf verzichten. Mit jedem Schritt, den man geht, fällt der nächste leichter. Und eines können glaube ich alle Veganer:innen bestätigen: Es geht einem überhaupt nichts ab – im Gegenteil! 🙂

cont[act]: Ja, das kann ich nur bestätigen! (lacht) Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!

P.S.: Falls ihr weitere Fragen habt, einfach ein Kommentar schreiben. 🙂


Weiterführende Literatur (Tipps):

  1. Dr. Rüdiger Dahlke „Peace Food„, 2011
  2. Dr. John McDougall „The Starch Solution„, 2013  sowie seine Website
  3. Dr. T. Colin Campbell „China Study: Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise“ , 2011  sowie seine Website

Zur Person:

Paulina Profil NEU 2016Paulina Gamperl, BSc., studierte zunächst Biologie in Wien, und befindet sich jetzt im letzten Abschnitt ihres Medizin-Studiums an der Charité in Berlin.
Ihr Spezialgebiet, mit dem sie sich während des Studiums und auch privat seit vielen Jahren beschäftigt, ist der Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit. Nachdem sie die unterschiedlichsten Ernährungsweisen auch im Selbsttest ausprobiert hatte, lebt sie seit zwei Jahren komplett vegan mit Schwerpunkt auf einer kohlenhydratreichen, fettarmen Ernährung.

2 comments

  1. Ja, der schrittweise Einstieg in vegane Ernährung funktioniert am Besten! Man sammelt Erfahrung im Einkaufs- und Kochverhalten und die Lust auf Fleisch reduziert sich von selbst, bis sie sogar in Ekel umschlägt. Bei Käse dauert es etwas länger, aber seit ich weiß, dass Casein Tumorzellen rasant wachsen lässt und sie man im Umkehrschluss mit veganer Ernährung auch „aushungern“ kann, fällt mir der Verzicht sehr leicht! In meinem Alter ( 50+ ) eine gute Gesundheitsvorsorge!

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  2. „einfach in den Einkaufswagen geben und sehen was passiert“ da dachte Ich mir: „Ja das Geldbörserl wird krachen“ das Thema Kosten, wird aber bei der nächsten Frage verständlich erklärt.. Sehr Profisioneller Beitrag! Diese Veganen Wurst Ersatze haben teilweise echt seltsame Zutaten.. Was ist mit Reismilch? Die konsomiere Ich am liebsten, hat aber einen hohen Zuckeranteil! Aber Sie schmeckt einfach so lecker.. ach ja und letztens habe Ich eine Torte gegessen, selbstgemacht, mit Gelee. Das Geleeblätchen habe Ich mir mal angesehn und die verpackung gelesen. Abgesehn das es ausieht wie eine Laminierfolie, das Zeug wird auch noch aus Schweinefett gemacht. Hab Ich nicht gewusst, ist eigentlich recht ekelig..
    Lg
    Andsa

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