Liebes Tagebuch…

„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ (Auszug aus Anne Franks Tagebuch)


Wenn ich an meine Großmutter zurück denke, finde ich mich in Szenen wieder, in welchen sie über ihr Tagebuch gebeugt mit einer Füllfeder fremde Linien zeichnete (Kurzschrift, wie ich später erfahren sollte) und dem duldsamen Papier ihre Gedanken und Geheimnisse anvertraute.

Über 150 große, schwere Tagebuchbände ließ meine Großmutter zurück; ein ganzes Leben, in 150 schwarzledrigen Bänden…

Ob es wohl auch ihr Wunsch war, über den Tod hinaus fortzuleben? Möglicherweise findet sich die Antwort auf diese Frage zwischen den tausenden von ihr geschriebenen Zeilen.

Tagebuch4Ich persönlich schreibe Tagebuch vor allem deshalb, um meine Gedanken zu ordnen; um Klarheit zu gewinnen, wenn der geistige Nebel einmal besonders dicht ist. Etwas in Worte zu fassen, ist ein sehr kraftvoller Vorgang – man benennt etwas, das zuvor nicht in der sprachlichen Sphäre existierte. Die meisten unserer Gedanken sind Mischkonstrukte aus Bildern, Tönen, Sprachbruchstücken, Gefühlen. Dies alles auf die Wort-Ebene zu komprimieren, aber auch zu konzentrieren, schafft nicht nur Klarheit, sondern bringt oft auch eine gewisse Erleichterung mit sich. Der innere Aufruhr wird nach außen verlagert und so in eine leichter zu konfrontierende Form gebracht.

Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Tagebuch schreiben – da ist diese unendliche Leere der weißen Seite und irgendwie will alles viel zu banal klingen, um ein adäquater erster Satz sein zu können. Stehst Du an dieser Schwelle, gilt es zu hinterfragen: Schreibst Du möglicherweise für ein „imaginäres Publikum“ aus der Zukunft? Für Menschen, die eines fernen Tages auf einem verstaubten Dachboden ein altes Tagebuch (dein altes Tagebuch!) aus dem frühen 21. Jahrhundert finden und staunend in den vergilbten Seiten blättern? Solche Ideen erzeugen Druck – versuche Dich darauf zu besinnen, dass Du dieses Tagebuch für Dich selbst und für die Auseinandersetzung mit Deinem Innenleben schreibst.

TagebuchDas beste ist, einfach anzufangen. Und wenn Du nur damit beginnst, zu schreiben, dass Dir nichts einfällt. Ein guter Einstieg kann auch sein, über den Tag zu berichten – ganz gleich wie langweilig dieser auch gewesen sein mag. Du wirst sehen, sobald Du ein paar Minuten im Schreibeprozess drin bist, geht es plötzlich viel leichter und Stück für Stück eröffnen sich Dir tiefergehende Ebenen. Wenn Dein Tagebuch Dir einen Mehrwert für Deine persönliche Entwicklung bieten soll, kann es hilfreich sein, zum Beispiel folgende Ebenen zu berühren:

  • Gefühle: Wie geht es Dir? Jetzt gerade, in bestimmten Situationen, bei großen und kleineren Lebensveränderungen?
  • Werte: Was ist Dir wichtig? In verschiedenen Lebensbereichen, im Vergleich zu früher, im Vergleich zu Deinen Mitmenschen, etc.
  • Wünsche & Bedürfnisse: Was möchtest Du, was brauchst Du? Wo empfindest Du einen Mangel, in welchen Momenten wirst Du Dir darüber besonders bewusst?
  • Visionen: Wovon träumst Du? Hier brauchst Du Dich nicht zurückzuhalten – Dein Tagebuch urteilt nicht über Deine Visionen.
  • Ängste & Sorgen: Wovor hast Du Angst, worüber sorgst Du Dich? Wie gehst Du mit Deinen Ängsten um?
  • Vergangenheit & Zukunft: Über welche Ereignisse aus der Vergangenheit denkst Du heute noch oft nach? Welche Gedanken und Pläne hast Du für Deine Zukunft?
  • Meta-Ebene: Etwas für die geübteren Tagebuch-Schreiber: Wenn Du im Schreibprozess irgendwo ins Stocken gerätst, achte auf Deine Gedanken. Zum Beispiel kann es vorkommen, dass Du Dich kaum traust, eine bestimmte Vision oder einen Traum aufzuschreiben, weil er Dir „naiv“ oder „unrealistisch“ vorkommt – aber wer spricht da eigentlich? Achte auf zweifelnde und verurteilende Gedanken und baue sie in das Geschriebene mit ein, um ihnen besser begegnen zu können. Und wer weiß, vielleicht transformieren sie sich dabei ja sogar… 😉

Ein Tagebuch ist zwar ein stilles, aber niemals stummes Zeugnis unseres Lebens – man vermag darin immer wieder Erkenntnisse über sich und den eigenen Entwicklungsweg zu gewinnen. Für mich ist es mittlerweile ein liebgewonnenes Ritual geworden, alle ein bis zwei Jahre in alten Tagebucheinträgen zu schmökern und mich zu wundern, wer die fremde Frau ist, über die ich da lese und die mir doch seltsam vertraut ist. 🙂

Tagebuch2Dass ein Tagebuch ein wirksames Werkzeug zur Selbsterkenntnis sein kann, erkannte auch schon der amerikanische Psychologe und Therapeut Ira Progoff. Er entwickelte in den 60er- und 70er-Jahren die „Intensive Journal Method„, eine Technik des Tagebuchschreibens in vier verschiedenen Dimensionen: Dialog, innere Bilder/Träume, Erinnerungen und Sinn. Durch die Beschäftigung mit dem Schreiben in diesen unterschiedlichen Dimensionen würde eine Begegnung mit sich selbst auf tiefgreifender Ebene ermöglicht.

Manche Menschen schreiben ihr Tagebuch heutzutage lieber auf dem Computer, vor allem auch, weil sie meinen, mit der Hand kämen sie der Schnelligkeit ihrer Gedanken nicht hinterher – und das stimmt auch! Mit der Hand Gedanken niederzuschreiben hat einen verlangsamenden Effekt auf Dein Denken und Deine gesamte Energie – was einer der besten Gründe ist, es zu tun.

Und wer es lieber etwas bunter, verspielter und interaktiver möchte, dem lege ich hier noch das sogenannte „Smash Book“ ans Herz – eine schöne und witzige Alternative zum herkömmlichen Notizheft. 🙂


Weiterführendes: 
Artikel über das Intensivtagebuch von Ira Progoff auf Sein.de

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