Über Ende und Anfang – Die Angst vor dem Tod

Unlängst hatte ich einen Traum:

Ich befinde mich in einem parkenden Flugzeug, alleine mit dem Piloten und einem Steward. Wir besprechen etwas Organisatorisches: anscheinend leite ich eine Reisegruppe, die in etwa einer Stunde mit diesem Flieger abheben soll. Während wir die Sitzordnung diskutieren, setzt sich das Flugzeug plötzlich in Bewegung. Der Steward und ich blicken uns irritiert an. Bevor wir begreifen, was passiert, steuert der Pilot auf die Startbahn zu, beschleunigt und hebt schließlich ab! Wir versuchen, uns irgendwo festzuhalten, werden aber dennoch hin und her geworfen. Nahezu senkrecht geht es nach oben, immer weiter, dann werden die Motoren irgendwann still – nach einem Moment der Schwerelosigkeit stürzen wir in die Tiefe… Nächste Szene: Ich stehe auf der Hauptstraße meiner Heimatstadt und realisiere: „Ich bin nicht tot! Ich habe überlebt!“ So schnell ich kann, renne ich zum Haus meiner Mutter und blicke durchs Fenster. Sie liegt auf dem Sofa, weinend. Ich hämmere aufgeregt ans Fensterglas und rufe: „Mama, Mama, mir ist nichts passiert! Ich bin hier!!!“ Doch sie hört mich nicht… Ich rufe und rufe, suche nach Halt, doch niemand will mich sehen, hören, spüren. Fünf Jahre irre ich verzweifelt umher; der Versuch, Anschluss an mein früheres Leben zu finden, scheitert. Schließlich wird es mir klar: „Ich bin tot. Es ist Zeit zu gehen.“ Und dann lasse ich los.

Dieser Traum führte zu einer intensiven Beschäftigung mit der Angst zu sterben. In vielen Gesprächen mit unterschiedlichsten Menschen ergab sich immer wieder ein Gedanke: Eigentlich haben wir keine Angst vor dem Tod an sich. Vielmehr ängstigt uns der Weg dorthin, der Sterbeprozess; wir fürchten, dass er qual- und leidvoll sein könnte und dass es womöglich zum Zeitpunkt unseres Todes noch zuviel Ungetanes, Ungeträumtes, Unerfülltes gibt. Und dann sind da noch die Angehörigen; all die lieben Menschen, die man zurücklässt, die Beziehungen, die enden…

mar2Überleg einmal für Dich: Empfindest Du Angst vor dem Sterben bzw. dem Tod? Wenn ja, was genau ängstigt Dich daran? Was würdest Du noch unbedingt erlebt haben wollen? Alles, was an Assoziationen hier kommt, kann ein Wegweiser für Dich sein hin zu jenen Dingen oder Menschen, die Dir wichtig sind. Die dir etwas bedeuten. Die Du nicht bedauern möchtest.

Je nachdem, wie alt Du bist, in welchen Lebensumständen Du Dich befindest, ob Du gesund oder krank bist, wird hier etwas anderes in den Vordergrund rücken. Vielleicht ist es die Sorge um Deine Kinder? Vielleicht die Trauer um ein nicht fertig gestelltes Projekt oder Kunstwerk? Vielleicht ist es auch so ein Gefühl, dass Du noch nicht zu dem Menschen geworden bist, der Du hättest werden wollen.

Egal, was für Gedanken und Gefühle hier auftauchen: Der Tod an sich muss uns nicht ängstigen. Er ist ein Element unserer Existenz, wie Atmen, wie Altern, wie geboren werden. Außerdem bist Du nicht alleine mit diesem Thema –  auch wenn sich das manches Mal anders anfühlen mag. Wir alle werden sterben: der eine früher, der andere später, der eine schnell, der andere langsam.

Es bestürzt mich, dass wir in unserer „modernen“ Gesellschaft über ein so wichtiges Thema noch immer nicht offen sprechen; dass viele Menschen, welche unmittelbar mit dem Tod konfrontiert sind [zB. alte oder schwerkranke Menschen], mit kaum jemand über diesen Prozess reden können. Den Tod zu ignorieren und ihn auszublenden, hat noch niemanden davor bewahrt, zu sterben.

Der Meditationsmeister Sogyal Rinpoche schreibt in seinem Buch „Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ über seine Beobachtungen in der „westlichen Welt“:

„Ich begriff, dass die Menschen heutzutage lernen, den Tod zu verdrängen, und daher im Sterben nichts als Vernichtung und Verlust sehen. Daraus folgt, dass die meisten Menschen den Tod entweder vollständig leugnen oder in Angst vor ihm leben. Bloß über den Tod zu sprechen, wird schon als morbid angesehen, und viele Menschen glauben, dass sie allein durch Erwähnung des Todes das Risiko eingehen, ihn auf sich zu ziehen.“

Tod2Doch über den Tod zu sprechen ist alles andere als morbid! Im Gegenteil: Wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen, gestalten wir damit aktiv unser Leben! Wir erweitern unseren Blickwinkel, wir übernehmen Verantwortung über einen sehr persönlichen Prozess, wir bauen Ängste ab – und dies alles kann unser Leben bereichern! Die Angst vor dem Tod ist überhaupt ein interessantes Phänomen: Meist ängstigt man sich vor Dingen, die schon einmal als negativ erlebt wurden – entweder von uns selbst oder von jemand, der uns davon berichtet. Abgesehen von Erzählungen über Nahtod-Erfahrungen können wir bezüglich des Todes jedoch auf keinerlei direkte Erfahrung zurückgreifen. Was wir vielleicht schon erlebt haben, ist die Rolle eines Angehörigen, der um jemanden trauert. Dies ist aber eine völlig unterschiedliche Erfahrung und erzeugt möglicherweise als Konsequenz die Angst, wieder jemand „zu verlieren“. Diese Angst jedoch auf jene vor dem Tod an sich auszuweiten, erhöht die Besorgnis unnötigerweise. Wir können nicht wissen, wie sich der Tod wirklich anfühlt und ob er tatsächlich etwas ist, das uns ängstigen müsste.

Es macht Sinn, sich mit unserem Denken über den Tod auseinander zu setzen. Über unsere Befürchtungen und Ängste offen zu sprechen, bringt uns uns selbst näher und bietet eine Chance für Selbsterkenntnis und tieferen, inneren Frieden. Wäre es nicht schön, dem eigenen Tod ruhig und in voller Würde zu begegnen?

„Wir müssen uns von Zeit zu Zeit aufrütteln und uns wirklich fragen: ‚Wenn ich heute Nacht sterben müsste, was dann?‘ Wir wissen weder, ob wir morgen aufwachen, noch wo. Wenn Du ausatmest und nicht wieder einatmen kannst, bist Du tot. So einfach ist das. […] Es ist wichtig, wieder und wieder in Ruhe darüber nachzudenken, dass der Tod wirklich ist und ohne Warnung kommt. […] Das Ergebnis ist geistiger Friede.“ – Sogyal Rinpoche

Auf das Sterben zu warten, um über das Sterben nachzudenken, funktioniert nicht – viele von uns werden plötzlich und überraschend mit dem Tod konfrontiert. Daher ist es sinnvoll, bereits zu Lebzeiten eine friedliche, ja womöglich sogar liebevolle Einstellung zu dieser intensiven Transformation zu entwickeln und sie zu „üben“. Meditation, Gespräche, Literatur, Tagebuch schreiben, Reisen, Beschäftigung mit Religionen und Kulturen… Dies alles kann uns dabei helfen, unseren Blickwinkel zu erweitern und Ängste abzubauen – auf dass wir die Welt eines Tages so verlassen können, wie wir sie betreten haben: in einem Akt der Hingabe und der Liebe.

Und wer weiß: Vielleicht ist der Tod ja gar nicht das Ende. Vielleicht ist er ein Anfang.

Tod1

Alles was du siehst, wird die alles lenkende Natur bald verwandeln und aus diesem Stoff andere Dinge schaffen und aus deren Stoff wiederum andere, damit die Welt immer verjüngt werde.“ – Marc Aurel


One comment

  1. Es wäre interessant zu wissen, ob sich die Seelen in der jenseitigen Welt genauso vor der nächsten Inkarnation, untrennbar verbunden mit einem Geburtsvorgang, fürchten! Vielleicht nicht, da sie angeblich wissen, worauf sie sich einlassen.
    Wenn wir also verstehen könnten, dass der Tod der Übergang in eine andere Daseinsform ist und wir das schon oft erlebt haben, der Sinn in der Weiterentwicklung unserer Seele in jedem Leben liegt, würde uns das den Schrecken nehmen? Unser Verstand ist es, der uns Furcht einredet, weil er nicht in der Lage ist, die großen Zusammenhänge zu erfassen. Wegen mangelnder Kompetenz sollte er also in dieser Frage unserer Intuition den Vortritt lassen! Sie ist die Sprache der Seele und kann uns die verborgenen Wahrheiten vermitteln, hoffnungsvolle Hingabe und Loslassen lehren.
    “ Fürchtet Euch nicht! “ heisst es schon in der Bibel…….

    Gefällt 1 Person

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