Über Worte, die reisen.

Vor kurzem entdeckte ich in einem alten Tagebucheintrag meines damals knapp 19-jährigen Großvaters eine Passage, in der er berichtete, er habe einen Brief von seiner ersten großen Liebe S. erhalten. Er schilderte, wie zerknittert der Brief bei der Ankunft gewesen war – seine Herzensdame lebte in Übersee, der Brief war daher über drei Wochen unterwegs gewesen! Wie einen Schatz hütete er die wenigen Bögen Papier und machte sich erst einige Tage später daran, ihr zu antworten. Zunächst las er den Brief wieder und wieder, und nahm jede einzelne Zeile in sich auf. 

Brief schreibenWenn man bedenkt, dass sein Antwortbrief auch drei Wochen Wegzeit beanspruchen würde, wird klar, dass die junge Dame S. mindestens sechs Wochen lang auf eine Antwort warten musste. Sechs Wochen. Sechs Wochen!

Werden heute nicht schon die meisten Menschen unrund, wenn sie nur sechs Stunden, geschweige denn, sechs Tage auf die Beantwortung einer Nachricht warten müssen?

Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die Zeit, als es im Trend lag, einen Brieffreund oder eine Brieffreundin zu haben? Da gab es dann im Supermarkt oder in der Schule kleine Zettelchen auf dem schwarzen Brett, auf denen Schreibwillige nach Brieffreunden suchten. Oder vielleicht hast Du Briefe mit Deinen Klassenkameraden geschrieben, oder mit Deinen Verwandten? Meine Großmutter pflegte mir als Kind regelmäßig Briefe zu schicken; beigelegt waren Rätsel, lustige Zeitungsausschnitte oder kleine Comics. Hin und wieder gab sie auch noch getrocknete Blütenblätter oder andere Kostbarkeiten wie Briefmarken oder Glasperlen dazu. An die Freude und die Aufregung, die ich empfand, wenn im Briefkasten wieder ein Kuvert von ihr lag, werde ich mich für immer erinnern.

Ein hangeschriebener Brief ist etwas sehr Persönliches. Das Papier wird im wahrsten Sinn des Wortes geprägt von der Person, die ihn verfasst. Die Hände des Absenders und die des Empfängers halten und berühren das selbe Blatt.

Die Tradition des Briefeschreibens gehört zu jenen, die es wert sind, wieder belebt zu werden – das Wort wirkt, und auf besondere Weise in einem Brief. Man denke nur an Kafkas „Brief an den Vater„. Nicht auszudenken, wie befremdlich sich derselbe Text als E-Mail lesen würde… Oder das bewegende Briefzeugnis der chancenarmen Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan – Sätze wie Bachmanns „…und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören“ würden all ihrer Kraft und Schönheit beraubt, schriebe man sie als SMS oder WhatsApp-Nachricht.

Zudem: ist es nicht etwas Wundervolles, sorgfältig ein passendes Briefpapier auszusuchen, es mit den Fingern zu be-greifen und dann mit einer Füllfeder in geschmeidigen Bewegungen wohlüberlegte Worte darauf zu schreiben? Es gibt keine „Löschen“-Taste und auch kein AutoCorrect. Einen Brief zu schreiben erfordert etwas mehr Hingabe und Achtsamkeit, als wir beim Tippen eines E-Mails brauchen, und gerade deshalb lohnt es sich.

Briefe 1

Einer der besten Aspekte beim Briefeschreiben ist das Warten auf Antwort. Diese Wartezeit gibt Deiner Fantasie die Gelegenheit, zu erblühen. Sobald Du Deinen Brief aufgegeben hast, geht es los – eine Reise durch die Stadt, das Land oder sogar über Ländergrenzen hinweg, möglicherweise fliegt das kleine Stück Geschichte sogar in einem Flugzeug. Irgendwann, nach einer nicht exakt zu bestimmenden Zeit, landet der Brief schließlich im Postkasten des Empfängers, der ihn vielleicht gleich, vielleicht erst später entdeckt und überrascht auf das Kuvert blickt. Der Brief wird mit in eine Wohnung oder ein Haus genommen und dann vielleicht gleich, vielleicht erst später geöffnet, bedächtig mit einem Brieföffner oder ungeduldig mit dem Finger. Du stellst Dir das Gesicht des Lesenden vor, wie es sich bei manchen Passagen aufhellt und bei anderen ernst wird. Verschiedene Gefühle durchströmen den Lesenden beim Anblick Deiner unverwechselbaren Handschrift. Irgendwann, wenn es an der Zeit ist, wird ein neues Blatt Papier mit Dir noch unbekannten Worten beschrieben, gefaltet und in ein Kuvert gelegt, welches an Dich adressiert wird. Und wieder geht ein Brief auf die Reise… und landet eines Tages in Deinen Händen.

„Ein Brief ist eine Seele. Er ist ein so treues Abbild der geliebten Stimme, die spricht, daß empfindsame Seelen ihn zu den köstlichsten Schätzen der Liebe zählen.“ – Honoré de Balzac

2 comments

  1. Ich sollte dir mein Kommentar eigentlich per Post zukommen lassen, so überzeugend war dein Text 😄 ! Ich werde mir wohl wieder Briefpapier kaufen und gut überlegen, was ich denn eigentlich spannendes zu berichten hätte 😊 !!

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