Die große Milchlüge

Die große Milchlüge

Gastbeitrag von Paulina Gamperl, B.Sc.

ETHISCHER ASPEKT

Die große MilchlügeEin Großteil der Milchkühe wird in engen Boxen gehalten ohne jemals eine Drehung um die eigene Achse – geschweige denn ein paar Schritte – in ihrem Leben machen zu können. Um kontinuierlich Milch zu produzieren werden die Kühe einmal jährlich künstlich befruchtet. Das Kalb wird ihnen direkt nach der Geburt entrissen, die Muttertiere rufen danach noch wochenlang nach ihrem Kind und zeigen deutlich ein verstörtes Verhalten. Das männliche Kalb landet danach entweder in der Kälbermast (Kalbfleisch) bzw. Rindermast (Rindfleisch), den weiblichen Kälbern steht die gleiche Zukunft wie ihren Müttern bevor.

Die Milchproduktion einer Kuh wird in diesem industriellen Setting von 8 auf 50 Liter pro Tag gesteigert. Dazu hängen die Kühe durchgehend an den Melkmaschinen und ihre Euter sind häufig eitrig entzündet. Dass dies als Gegebenheit akzeptiert wird, zeigen die Milch-Güteverordnungen: Milch der Güteklasse 1 darf bis zu 100.000 Keime und bis zu 400.000 körpereigene Abwehrzellen der Kuh – also Eiter – pro Milli-Liter enthalten!

Die große MilchlügeEine Milchkuh wird ohne Berücksichtigung ihrer artspezifischen Grundbedürfnisse wie Nahrungssuche, Körperpflege, Ruheverhalten und Sozialverhalten als Milchproduzent ausgezehrt und nach spätestens 5 Jahren in den Schlachthof transportiert. Mit 5 Jahren hat eine Kuh noch nicht mal einen Bruchteil ihrer natürlichen Lebenserwartung erreicht – die älteste bekannte Kuh hieß ‚Big Bertha‘ und starb mit 48 Jahren friedlich an Altersschwäche.

GESUNDHEITLICHER ASPEKT

Der Insulinähnliche Wachstumsfaktor 1 (engl. Insulin-Like-Growth-Faktor-1, kurz IGF-1) spielt eine große Rolle in der Wachstumsphase des Menschen. Proteine in der Muttermilch lassen diesen Faktor ansteigen und fördern so die gesunde Reifung und Entwicklung des Körpers. Im Erwachsenenalter können erhöhte Konzentrationen allerdings zu vermehrtem Zellwachstum führen und potenziellen Krebszellen den Weg ebnen. Tierische Proteine in Milchprodukten lassen nachweislich IGF-1 ansteigen und erhöhen somit das Risiko an Brust-, Prostata- und Darmkrebs zu erkranken.

Die große MilchlügeMilch und Milchprodukte enthalten hohe Konzentrationen an Östrogenen (weiblichen Hormonen) – dies liegt vor allem daran, dass Milchkühe während ihrer gesamten Schwangerschaft weiter gemolken werden. Ganze 60-70% des über die Nahrung aufgenommen Östrogens kommt bei einer westlichen Mischkost von Milchprodukten. Diese tierischen Östrogene lassen ebenfalls das Krebsrisiko ansteigen, besonders jenes von Brust-, Prostata-, Eierstock- und Gebärmutterkrebs.

Proteine in Milchprodukten verursachen außerdem bei manchen Menschen schwere Allergien und können Magen-Darm-Beschwerden und Hautprobleme begünstigen (Milcheiweiß-Allergie und Laktose-Intoleranz). Es konnte außerdem ein Zusammenhang zwischen Milchprodukten und der Entwicklung von Autoimmun-Erkrankungen wie Arthritis, Lupus und Diabetes Typ 1 gezeigt werden.

Die tierischen Fette in Milchprodukten bestehen fast ausschließlich aus gesättigten Fettsäuren wie Buttersäure und enthalten zudem große Mengen an Cholesterin. Diese Bestandteile sind die Hauptursache von Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) und Bluthochdruck und und gehen mit einem erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko einher. In der westlichen Gesellschaft sterben 48 Prozent aller Menschen an den Folgen von Herz-Kreislauferkrankungen.

EVOLUTIONÄRER ASPEKT

Die große MilchlügeWären wir als einziges Säugetier auf diesem Planeten tatsächlich auf die Muttermilch einer anderen Tierart angewiesen, um gesund zu bleiben und wachsen zu können, wären wir durch diesen Streich der Natur bereits frühzeitig ausgestorben. Die Zusammensetzung von Muttermilch ist artspezifisch und auf den Bedarf der jeweiligen Tierart zugeschnitten. Kuhmilch versorgt ein 30 kg schweres Kalb mit den nötigen Nährstoffen und Wachstumsfaktoren, um innerhalb von 50 Tagen eine Verdopplung des Körpergewichts herbeizuführen. Ein ambitioniertes Ziel, welches wohl die wenigsten Menschen verfolgen!

WIRTSCHAFTLICHER ASPEKT

Allein die Milchverarbeitung in Deutschland macht einen jährlichen Umsatz von rund 25 Milliarden Euro. Dieser große potentielle Verlust sorgt leider für vorsätzliche Täuschung der KonsumentInnen durch Veröffentlichung von Fehlinformationen.

Werbemythos Nr. 1: Wir brauchen Milchprodukte um unseren Kalziumbedarf zu decken.
Hier ist gleich zu betonen, dass es bisher keinen einzigen dokumentierten Fall von ernährungsbedingtem Kalzium-Mangel gibt! Dies liegt daran, dass der Kalziumhaushalt des Menschen durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Hormone reguliert wird und damit der körpereigene Bestand in keinem proportionalen Verhältnis zu der über die Nahrung aufgenommenen Kalziummenge steht (Evolution sei Dank! Wäre dem nämlich so, liefen wir bei übermäßigem Konsum Gefahr, lebensbedrohliche Kalzifikationen am Herzmuskel zu entwicklen). Durch feine Steuerung der Aufnahme über den Darm und Ausscheidung über die Niere bedarf der menschliche Körper nur einer geringen Menge an Kalzium. Gesunde und weitaus hochwertigere Kalziumquellen sind z.B. Sesam, Haselnüsse, Sojabohnen, Brokkoli, Vollkornprodukte, Hafer und Karotten.

Werbemythos Nr. 2: Wir brauchen Milchprodukte für starke Knochen.
Dieser Mythos ist besonders fatal, da in Wahrheit genau das Gegenteil der Fall ist. Milchprodukte können unseren Knochen sogar schaden und Osteoporose fördern! Dies liegt am hohen Anteil an schwefelhaltigen Aminosäuren wie Methionin (Bestandteil von tierischem Eiweiß), die im Körper stark sauer wirken und im Rahmen eines Pufferungsprozesses dafür sorgen, dass Kalzium und Phosphat aus dem Knochen über die Nieren ausgeschieden werden – damit gehen wichtige Knochenbausteine verloren. Nicht umsonst sind in den Ländern mit dem geringsten Verzehr von Milch und Milchprodukten (v.a. in Asien und Afrika) auch die Osteoporose-Raten am niedrigsten!

Die große Milchlüge
Für Milliarden an Profit lügt es sich ungeniert

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es als verantwortungslos gilt, seinen Kindern nicht das tägliche Glas Kuhmilch hinzustellen. Ich finde es erschreckend, in welchem Ausmaß hier Gehirnwäsche geglückt ist! Eine gute Möglichkeit, um diesen Wahnsinn als solchen zu begreifen, ist ihm die Normalität zu nehmen und sich statt Kuhmilch einfach mal Giraffenmilch oder Katzenmilch vorzustellen. „Wer nicht jeden Tag mindestens 1 Glas Giraffenmilch trinkt, hat mit Knochenbrüchen zu rechnen…“ Erscheint das dann nicht völlig absurd?

ÖKOLOGISCHER ASPEKT

Umweltschutz ist ein heißes Thema im gesellschaftlichen Diskurs – möchte man umweltbewusst leben, sollte man seinen Abfall fein säuberlich trennen und die Zeit unter der Dusche möglichst kurz halten, um Wasser zu sparen. Doch seltsamerweise spricht kaum jemand – nicht einmal die Umweltschutz-Organisationen! – über die Hauptfaktoren des globalen Wasserverbrauchs!

Die Produktion von 1 Liter Milch verbraucht ganze 1.000 Liter Trinkwasser – das entspricht rund 8 Vollbädern; 1 kg Käse entspricht bereits 5.000 Liter Trinkwasser (40 Vollbäder). Die Milch- und Fleischindustrie verbraucht 1/3 des weltweit zur Verfügung stehenden Wassers. Wer also wirklich Wasser sparen möchte, verzichtet besser auf Milcherzeugnisse und badet dafür wie ein König!

Ein weiterer wichtiger Aspekt zum Thema Umweltschutz: Massentierhaltung produziert stolze 51% der weltweiten Treibhausgase – das entspricht 4 mal so viel wie alle Abgase des gesamten weltweiten Transports zusammengerechnet! Also auch hier: Milchverzicht bringt der Umwelt drastisch mehr als Carsharing, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder einem autofreien Tag pro Woche.

Die große MilchlügeAls letzten Punkt möchte ich noch das Thema Welthunger ansprechen. Rund 800 Millionen Menschen auf der Erde haben nicht genug zu Essen. Es sterben jährlich mehr Menschen an Hunger, als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. Global gesehen wird trotz Klimawandel und Wetterextremen genug Getreide angebaut, um die doppelte Weltbevölkerung zu ernähren. Das Problem dabei ist allerdings die Milch- und Fleischindustrie: rund 77% der weltweit geernteten Grobkörner (Hafer, Mais, Gerste usw.) und über 90% des weltweit angebauten Sojas geht in die Viehmast der Milch- und Fleischproduktion. Dadurch leben mehr als 80% der hungernden Menschen in Ländern, in denen ihr angebautes Getreide an Tiere verfüttert wird, dessen Fleisch dann auf unseren Tellern landet. Damit wird schnell klar, dass die Kapazitäten der Erde nicht durch hohe Bevölkerungszahlen überstrapaziert werden, sondern durch das Verlangen der KonsumentInnen nach Milch- und Fleischprodukten.

Eine vegane Ernährung braucht 18 mal weniger Land als die tierisch-pflanzliche Mischkost und ist damit vor allem eines: nachhaltig und zukunftsfähig!

Die große Milchlüge
Reismilch, Hafermilch, Sojamilch

Ja, es fällt vielen Menschen schwer, alte Gewohnheiten loszulassen und den Mut zu haben, neue Ansichten zuzulassen und andere Entscheidungen zu treffen. Doch es war noch nie so einfach wie jetzt, auf eine vegane Ernährung umzusteigen – vegan liegt praktischerweise im Trend! Man findet bereits in jedem Supermarkt und in fast jedem Restaurant leckere vegane Alternativen.


„Die Welt ist kein Machwerk und die Tiere sind kein Fabrikat zu unserem Gebrauch. Nicht Erbarmen sondern Gerechtigkeit ist man den Tieren schuldig.“ Arthur Schopenhauer


Weiterführende Literatur

  • Dahlke, Ruediger: „Peace Food – Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt“
  • Campbell, Colin T.: „China Study – Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise“
  • Campbell, Colin T.: „InterEssen – Ernährungswissenschaft zwischen Ökonomie und Gesundheit.“ In Zusammenarbeit mit Howard Jacobson
  • McDougall, John A.: „Die High-Carb-Diät: Abnehmen mit den richtigen Kohlenhydraten“

Dokumentationen

  • „Food, Inc. – Was essen wir wirklich?“
  • „Gabel statt Skalpell – Gesünder leben ohne Fleisch“
  • „Cowspiracy: The Sustainability Secret“
  • „Earthlings“
  • „Fat, Sick and Nearly Dead“

Websites

Vegan Kochen

YouTube

One comment

  1. Sehr guter Beitrag! Und in allen Aspekten treffend. Es ist schon unglaublich was uns da als normal verkauft wird. Bei dem Vorschlag sich Katzen- statt Kuhmilch vorzustellen musste ich echt schmunzeln. Denn genau da würden die meisten, die es für normal halten sich Kuhmilch in den Kaffee zu schütten, höchstwahrscheinlich angeekelt das Gesicht verziehen.

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