Weden und Vergehen

Werden und Vergehen

„Wir Menschen leben oft sehr oberflächlich, wie nach einem vorbestimmten Plan. Unsere Jugend verbringen wir mit Ausbildung; dann finden wir einen Job, begegnen jemandem, heiraten und haben Kinder. Wir bauen oder kaufen uns ein Haus, versuchen Karriere zu machen, träumen […] von einem Zweitwagen. Wir fahren mit unseren Freunden in Urlaub. Wir machen Pläne für die Zeit, wenn wir in Rente gehen. Das größte Dilemma, mit dem wir uns konfrontiert sehen, besteht aus Fragen wie >Wohin fahren wir im nächsten Urlaub?< oder >Wen laden wir zu Weihnachten ein?< Unser Leben ist monoton und belanglos, verschwendet in Trivialitäten […].“ (Sogyal Rinpoche, 2010:37)

Geht es Dir auch so, dass Du Dir manchmal denkst, die Zeit vergehe immer schneller und schneller? Tage rauschen wie Stunden dahin und ganze Wochen verfliegen wie wenige Tage? Du stehst morgens auf, dann vergehen ein paar Momente und schon sitzt Du abends vor dem Fernseher, erschöpft vom Tag? Unsere Tage sind vollgefüllt mit Dingen, die wir zu tun haben, und selbst am Wochenende sind wir mit Freizeitaktivitäten und Treffen verplant. Sobald wir einmal für kurze Zeit nichts zu tun haben, erschrecken wir uns und suchen sofort nach einer Beschäftigung: wir könnten ein Buch lesen, einen Film schauen, die Wohnung oder das Haus aufräumen, lange liegengebliebene Zeitschriften durchblättern, etc. Sobald wir etwas gefunden haben, das wir TUN können, sind wir zufrieden und wägen uns in Sicherheit. 

Werden und VergehenDa ich Zahnarzt-Besuche verabscheue, habe ich mir eine kleine Strategie zurecht gelegt, die mich die Zeit dort leichter aushalten lässt: Ich denke ganz fest daran, dass in 1-2 Stunden (Spielfilmlänge, pah!) bereits alles hinter mir liegt und der Spuk vorbei sein wird. Ich mache mir konkret bewusst, dass dieser Termin vergänglich ist und denke mit einem Gefühl von Dankbarkeit: „Auch dies geht vorüber“. Was beim Zahnarzt gut funktioniert, ist jedoch in anderen Kontexten nicht immer ratsam: beispielsweise wenn wir Pläne machen, die auf einen längeren Zeitraum ausgelegt sind. „Dann, in ein paar Monaten, wenn wir übersiedeln…“ oder „Dann, in eineinhalb Jahren, wenn das Projekt endlich abgeschlossen ist“ oder „Dann, wenn wir verheiratet sind“ oder „Dann, wenn unser Kind auf der Welt ist“ oder „Dann, wenn ich in Pension bin“ und so weiter und so fort… Jeder von uns kennt solche Gedanken – wir schmieden Zukunftspläne und denken uns Bedingungen für Ereignisse aus. Der Nachteil daran, sich in Zukunftsplänen zu verlieren, ist, dass das Hier und Jetzt – das wirkliche Leben – an uns vollkommen unbeachtet vorbeizieht. Oftmals passiert es, dass der „Tag X“, auf den man so lange gewartet und hingearbeitet hat, eintritt und man dann erschrocken denkt: „Wow, die Zeit ist total schnell vergangen! Gerade waren es noch Monate hin und jetzt ist es schon soweit! Wie konnte das so schnell vergehen? Was habe ich die letzten Monate gemacht?!“ Natürlich ziehen wir auch bei all unseren Plänen niemals die Möglichkeit in Betracht, dass unsere eigene Existenz nicht unendlich ist – wir sind schließlich zu beschäftigt, um zu sterben! Unbewusst denken wir, dass wir vor dem Zugriff des Todes geschützt sind, solange wir nur genug zu tun haben…

„Unser Leben ist so hektisch, dass ein Nachdenken über den Tod das Letzte ist, wofür wir Zeit haben. Wir ersticken unsere geheime Angst vor Vergänglichkeit, indem wir uns mit immer mehr Gütern umgeben, mit immer mehr Dingen, mit immer mehr Bequemlichkeit, bis wir schließlich zu Sklaven all dieser Umstände werden. Unsere gesamte Zeit und Energie erschöpfen sich in ihrem Unterhalt. Schon bald besteht unser einziges Lebensziel darin, alles so sicher und überschaubar wie nur möglich zu halten. Wenn Veränderungen eintreten, finden wir als Gegenmittel ganz schnell schlaue, kurzfristige Lösungen. Und so geht unser Leben dahin, bis uns eine schwere Krankheit oder ein Schicksalsschlag aus unserer Betäubung reißt.“ (Sogyal Rinpoche, 2010:37)

Doch man muss gar nicht so lange warten, um aus der Betäubung aufzuwachen. Das Leben bietet uns immer wieder größere und kleinere Chancen, (unsere eigene) Vergänglichkeit zu reflektieren. Wir alle erleben hin und wieder Momente, die uns aufrütteln: Zum Beispiel gehen wir über die Straße und werden nur ganz knapp nicht von einem Auto überfahren. Oder wir fahren selbst im Auto, sind kurz unaufmerksam und bemerken plötzlich, dass wir von der Spur abgekommen und fast in ein anderes Auto gefahren wären. Oder wir rutschen aus und fallen rücklings auf einen harten Untergrund. In solchen Situationen gibt es immer diesen einen, kurzen Moment, wo alles still zu stehen scheint. Ein Moment, in dem wir geschockt sind von der Erkenntnis, dass wir nicht wissen, wie das Ganze nun ausgehen wird. Plötzlich sind wir hellwach und völlig im Hier und Jetzt – wir sind uns unserer Lebendigkeit zu 100% bewusst. Doch auch viel undramatischer zeigt uns das Leben selbst permanent, dass alles und jeder vergänglich ist – Pflanzen blühen und verwelken, es wird Tag und es wird Nacht, der Zeiger an der Uhr bewegt sich stetig weiter, Freunde kommen und gehen, wir gebären Kinder und begraben Angehörige, wir atmen ein und atmen aus. In jedem Moment, bei allem was wir tun, können wir das Werden und das Vergehen beobachten und spüren…

Vielen Menschen jagt die Erkenntnis der Vergänglichkeit große Angst ein – nicht zuletzt deshalb, weil der Umstand, dass alles und jeder vergeht, völlig außerhalb unserer Kontrolle und unseres Einflusses liegt. Wir beschäftigen uns also lieber mit Dingen, die uns das Gefühl geben, die Kontrolle ausüben zu können – wir wiegen uns in Illusionen von Sicherheit und wollen festhalten an dem, was wir haben. Je mehr wir jedoch festhalten wollen und uns dem Loslassen verweigern, tritt ein paradoxer Effekt ein:

„Unser Leben scheint uns zu leben, eine bizarre Eigendynamik zu besitzen, die uns davonträgt; am Ende haben wir das Gefühl, gar keine Wahl und keinerlei Kontrolle mehr zu haben. Natürlich fühlen wir uns manchmal schlecht deswegen, haben Albträume und wachen schweißgebadet auf mit der Frage: >Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?< Diese Ängste dauern aber meist nur bis zum Frühstück; dann nehmen wir wieder unsere Aktentasche, und es geht weiter wie gehabt.“ (Sogyal Rinpoche, 2010:39)

Werden und VergehenDoch wir brauchen keine Angst vor der Vergänglichkeit zu haben – und zwar deshalb, weil Vergänglichkeit nicht die Beendigung, sondern die Vorbedingung für Dinge ist, die wir genießen und die wir für das Lebendigsein benötigen! So verwelken zwar die Pflanzen im Herbst und scheinen vollkommen vergangen im Winter, doch dann wird es Frühling und neues Leben bahnt sich seinen Weg – die Knospen sprießen und bunte, intensive Blüten erblühen! Alles Leben verläuft zyklisch, ist also ein Kreislauf von Werden und Vergehen und wieder Werden und wieder Vergehen.

Lies folgendes Zitat von Buddha und beobachte, was es mit Dir macht:

„Was geboren ist, wird sterben,
was zusammengetragen wurde, wird zerstreut,
was sich angehäuft hat, wird erschöpft,
was aufgebaut wurde, wird zusammenbrechen,
und was hoch war, wird niedrig werden.“
(Buddha)

Empfindest Du beim Lesen dieser Zeilen Unruhe, Sorge, Enge oder Frustration? Vielen von uns geht es so. Doch Vergänglichkeit allein bildet noch keinen Zyklus, keinen Puls: dafür braucht es auch das Werden. Drehen wir die Sätze um und erleben das Werden:

„Was stirbt, wird neu geboren,
was zerstreut ist, wird zusammengetragen,
was erschöpft ist, wird sich anhäufen,
was zusammenbricht, wird aufgebaut,
was niedrig ist, wird hoch werden.“

Die meisten Menschen konzentrieren sich nur auf das Werden in ihrem Leben und fragen sich ständig: wie komme ich zu MEHR Geld, Zuneigung, Erfolg, Leistung, Glück, Liebe, etc.? Doch nur durch Werden alleine kann kein Leben existieren – nehmen wir als Beispiel unseren Herzschlag, unseren Atem, unseren Schlaf-Wach-Rhythmus… all diese lebenswichtigen Funktionen beinhalten Werden UND Vergehen.

Das Bewusstsein für Vergänglichkeit kann uns außerdem ein wunderbarer Wegweiser zu mehr Achtsamkeit und Mitgefühl sein. Sogyal Rinpoche erwähnt in seinem Buch eine Schlüsselfrage: „Erinnere ich mich in jedem Augenblick, dass ich sterben werde, so wie jeder und alles andere auch, und behandle ich aus dieser Erkenntnis heraus alle Lebewesen jederzeit mit Mitgefühl?“ (S. 48) Wenn wir uns der Vergänglichkeit von allem und jedem bewusst sind, schätzen wir die Momente, die wir mit einer Situation oder einem Menschen erleben dürfen, viel mehr. Wir gehen liebevoller miteinander um und erachten nichts und niemanden als selbstverständlich.

Nimmt man sich hin und wieder ein paar Minuten Zeit, um über die Gewissheit der Vergänglichkeit nachzudenken und so langsam eine Akzeptanz dafür in sich zu entwickeln, kann es passieren, dass folgende Fragen aufsteigen:

„Wenn alles stirbt und sich verändert, was ist dann wirklich wahr? Gibt es etwas hinter den Erscheinungen, eine grenzenlose und unendliche Weite, in der dieser ganze Tanz von Vergänglichkeit und Wandel stattfindet? Gibt es nicht doch etwas Verlässliches, was den so genannten Tod überlebt?“ (Sogyal Rinpoche, 2010:62)

Nun, nicht zuletzt ist es der Zyklus des Lebens selbst, der beständig ist und niemals aufhört zu sein. Egal, wie groß und endgültig die Zerstörung auch scheinen mag – irgendwo gibt es wieder einen Funken, der neues Leben bringt und die Phase des Werdens eröffnet. Dieser Funke, dieser Impuls des Lebens selbst, steckt in allem, was ist – also auch in uns.

„Mit fortgesetzter Kontemplation und Übung im Loslassen entdecken wir in uns >etwas<, das wir nicht benennen, beschreiben oder in Konzepte fassen können. […] Plötzlich erheben wir uns über all das und schweben im klaren, grenzenlosen Himmel. Inspiriert und belebt durch diesen Aufstieg in eine neue Dimension von Freiheit, entdecken wir eine Tiefe des Friedens, der Freude und des Vertrauens in uns, die uns mit Staunen erfüllt und eine Gewissheit entstehen lässt, dass es in uns >etwas< gibt, das durch nichts zerstört oder verändert werden kann und nicht dem Tod unterworfen ist.“ (Sogyal Rinpoche, 2010:62)


Zitatquelle:
Sogyal Rinpoche, „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ (2010)

Vergänglichkeit 2

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