Maske runter, Freude rauf

Maske runter, Freude rauf!

Wir alle kennen es, das bis in die Banalität perfektionierte und langweilig makellose Schönheitsideal der letzten Jahrzehnte: dünn (aber nicht zu dünn), glatte reine Haut, frischer Teint, kräftiges seidiges Haar, weiße gerade Zähne, strahlende Augen… (und die Liste geht noch laaange so weiter). Die Maßnahmen, um den Anforderungen zu entsprechen, reichen dabei von harmlosen Dingen wie einer gesunden Ernährung und Sport bis hin zu extremen (und irritierenden?) Maßnahmen wie Anal Bleaching, Schamlippen-Korrektur und andere stark invasive Schönheits-OP’s. Mode-, Beauty- & Lifestyle-Blogs und -Accounts in Social Networks wie YouTube und Instagram boomen wie noch nie zuvor, mehrere Millionen Follower sind da keine Seltenheit.

Auch wenn man sich nicht zu 100% der Schönheitsdoktrin unterwirft, so verwenden doch die meisten von uns tagtäglich eine ganze Reihe von Kosmetikprodukten, tragen Make-Up, pflegen sich die Haare oben, entfernen sich die Haare unten, lackieren sich die Nägel, pflegen ihre Zähne und achten auf ihre Kleidung. Da dies meist völlig routiniert abläuft, kommt es uns nicht in den Sinn, dass dies etwas sein könnte, das man auch hinterfragen kann… Bei vielen Frauen (und auch immer mehr Männern) geht das schon so weit, dass sie sich ohne Make-Up „nackt“ fühlen – ich selbst war da lange Zeit keine Ausnahme.

Geht man noch einen Schritt weiter und erkennt, wie schädlich viele unserer Kosmetikprodukte sind (von Mikroplastik über Weichmacher zu Schwermetallen und krebserregenden Stoffen, etc.), wird das kritische Hinterfragen von medial vermittelten Idealen nicht mehr nur eine Sache der Eitelkeit! Schönheit ist ein Milliarden-Geschäft und wie so oft bei Milliarden-Geschäften ist unsere Gesundheit nicht unbedingt Priorität Nummer 1. (Zu bedenklichen Inhaltsstoffen in Kosmetika und gesunden Alternativen wird es demnächst einen eigenen Blogeintrag geben.)

Versuch doch mal folgendes Gedankenexperiment:

Sieh Dich selbst vor Deinem inneren Auge und betrachte Dich genau. Hast Du Kleidung an? Wenn ja, welche? Wie sieht Dein Gesicht aus? Ist es ungeschminkt oder geschminkt? Wie sehen Deine Haare aus, sind sie „hergerichtet“? Trägst Du Accessoires, vielleicht eine Uhr oder bestimmte Schuhe, eine Tasche? Merke auch, ob und wie sehr Du Dich mit diesem Abbild Deiner Selbst identifizierst. Stell Dir dann auf jeden Fall vor, dass Du nackt bist. Und ungeschminkt. Was bleibt von Dir, wenn Kleidung, Accessoires und andere Maskierungen gehen? Was für Gefühle, was für Gedanken tauchen auf? Geh noch einen Schritt weiter: Stelle Dir vor, Du hättest keine Haare. Eine andere Hautfarbe. Mach Dich größer, kleiner, dicker, dünner. Bist Du immer noch dieselbe Frau/derselbe Mann?

Werden und Vergehen

Eine spannende Frage ist: Warum unterwerfen wir uns bestimmten „Regeln“ oder Vorgaben von außen überhaupt, selbst wenn sie fragwürdig sind? Etwa, dass man als erwachsene Frau an Beinen, Achseln und im Intimbereich keine Haare haben „darf“? Wieso machen wir auch vor gesundheitsgefährdenden Produkten und Eingriffen nicht Halt? Es geht – wie so oft bei Herdentieren – um Zugehörigkeit und Akzeptanz. Es geht darum, nicht ausgeschlossen zu sein und um das Gefühl, wahrgenommen und geachtet zu werden. Und es geht um Status, um Erfolg, um Anerkennung. Durchaus nachvollziehbar, doch schießen wir dabei nicht über das Ziel hinaus?

Persönliche Erfahrung

Von meinem 10. bis 20. Lebensjahr bin ich nicht einen einzigen Tag (!) ungeschminkt vor die Haustüre gegangen; ich habe mich geschämt für meine „Problemhaut“, für all die unreinen Stellen und Narben. Ich habe früh erkannt, dass unreine Haut nicht gerade zur Idealvorstellung von Schönheit gehört – die am stärksten prägenden Kanäle diesbezüglich waren der Fernseher, Mädchen-Magazine und das Belauschen von Gesprächen erwachsener Frauen. Als ich 19 Jahre alt war, machte ich eine heilsame und transformierende Erfahrung: ich lernte meinen ersten Partner kennen und durfte erleben, dass mich jemand auch ohne meine Maske lieben und schön finden kann! Diese Referenzerfahrung brachte den cohenschen „Sprung in der Schüssel“. 🙂 Mir wurde bewusst, wie selbstkritisch ich all die Jahre gewesen war und wie oft ich meinen Körper verurteilt hatte. Das sollte sich ändern! Zwar ging ich immer noch geschminkt unter Leute, aber es war zumindest ein Anfang, mich zuhause wohlfühlen zu können – ganz ohne Make-Up. Vor ein paar Jahren verzichtete ich schließlich für einige Monate komplett auf das Schminken. Und siehe da: Niemand ist dabei zu Staub zerfallen. 🙂 Im Gegenteil: nie zuvor habe ich so viele intensive, wertvolle und schöne Begegnungen gehabt wie in dieser Zeit! Außerdem wurde mir bewusst: Schönheit liegt wirklich im Auge des Betrachters. Es wird IMMER Menschen geben, die Dich genau so schön finden, wie Du bist und andere, denen Du nicht gefällst – egal, wie sehr Du Dich auch stylst. Wichtig ist, wie Du Dich fühlst und wie Du Dir am besten gefällst.

Werden und VergehenMehr Bewusstheit

Zentral erscheint mir gar nicht so sehr die Frage: „Make-Up tragen oder nicht?“, sondern vielmehr der Aspekt der bewussten Wahl – es befreit ungemein, sich ganz bewusst für den Akt des Schminkens (=Maskierens) entscheiden zu können; Make-Up also als ein Werkzeug zu benutzen, das man wählt, wenn einen die Experimentier- und Gestaltungsfreude packt (und nicht als unreflektierte „Standard-Routine am Morgen“, um ein vermeintlich gefordertes Mindestmaß an Schönheit zu erfüllen).

Gerade dann, wenn Du merkst, dass Dein Selbstwertgefühl wieder stärker an eine Make-Up-Maske gebunden ist, kann es enorm kraftvoll sein, für eine gewisse Zeit auf jegliches Make-Up zu verzichten. Am ersten Tag fühlt sich das in der Öffentlichkeit womöglich wie ein feuriger Höllenritt an, doch schon am zweiten und dritten Tag macht sich ein Gefühl des Befreit-Seins bemerkbar und eine tiefe innere Ruhe kehrt ein. Es ist ein heilsamer Akt, Dich den Menschen so zuzumuten, wie Du nun einmal beschaffen bist! Und was für ein schönes Gefühl es dann ist, jeden noch so kleinen Windhauch auf der Haut zu spüren! Sich das Gesicht zwischendurch kalt abzuwaschen und sich herzhaft das Auge zu reiben, wenn es juckt, ohne ständiger Sorge um das Make-Up. Genieße für eine Weile einfach das pure Du-Sein! Und wenn Du Dich mit Dir wieder vollkommen pudelwohl fühlst, wirst Du merken, dass das Schminken plötzlich zu einer kreativen und lustvollen Option wird – zu etwas, das Du wählen kannst, aber nicht brauchst.

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