Minimalismus

Der minimalistische Weg zum maximalen Glück

Vor ein paar Monaten saß ich in unserem Wohnzimmer und sah mich um. Plötzlich konnte ich sie sehen – all die hunderten, tausenden Gegenstände, die sich im Lauf der Jahre bei uns angesammelt hatten und die ich durch Gewohnheit gar nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. Unglaublich viel Zeug! Und dabei sind wir kein „Messie-Haushalt“, sondern einfach zwei Erwachsene (und ein Hund) auf 59 Quadratmetern. Ich fühlte mich erdrückt von den unzähligen Büchern, Dekogegenständen, Bildern, Papierzetteln, DVDs, CDs, Klaviernoten, Stiften, und und und… Wie konnte ich all das nicht schon früher bemerkt haben?! Wie ging das?

Der Entschluss war gefasst – ich wollte meinen Besitz zumindest halbieren, jedoch dabei möglichst wenig wegwerfen, sondern viel verschenken und spenden. Der erste Schritt war eine Bestandsaufnahme: Wie viel besitzen mein Mann und ich eigentlich wovon? Hier ein paar unschöne Ergebnisse:

  • booksÜber 600 Bücher (!)
  • Mehr als 150 DVDs und ca. 30 BluRays
  • Ca. 70 CDs
  • Ca. 50 Videospiele
  • Ungefähr 50 Paar Schuhe
  • Über 60 Kosmetik- und MakeUp-Produkte (Duschgel, Shampoo, Deo, MakeUp, unterschiedliche Cremen, Haarpflege-Produkte, Rasierschaum, After Shave, Seife, Zahncreme, Zahnkreide, Nagellacke…)
  • Und sage und schreibe ca. 500 Stück Kleidung (inkl. Jacken, exkl. Unterwäsche)

Dass jeder Deutsche durchschnittlich 10.000 Gegenstände besitzen soll, glaubte ich nach dieser kurzen Inventur sofort – wenn man an all das Geschirr, die Handtücher, Putzutensilien, Möbel, Schmuck, Werkzeug, Zettel, Kugelschreiber (!), etc. denkt, die sich in der Wohnung ansammeln!

Das Schlimmste daran war, dass wir nur einen Bruchteil dieser Sachen aktiv und regelmäßig in Verwendung hatten – mal ganz ehrlich, wie oft sieht man sich in Zeiten von Netflix & Co. noch DVDs an, vor allem, wenn man sie schon ein paar Mal gesehen hat? Oder wie viele Bücher stehen seit Jahren ungelesen im Regal, weil man doch nie die Zeit dazu findet? Wie viele Kleidungsstücke hängen seit Ewigkeiten ungetragen im Kasten, weil sie einem entweder nicht mehr passen oder nicht mehr gefallen?

Es sollte sich etwas verändern. Ich begab mich auf die Suche nach Inspiration und Hilfestellung, durchforstete Entrümpelungs-Blogs, schaute Zero Waste- & Ausmist-Videos auf YouTube, las Artikel über die Kraft des Loslassens. Ein Begriff begegnete mir dabei immer wieder: Minimalismus. Mit dem Wort assoziierte ich zunächst lauter ungemütliche Dinge: leere, kalte Räume, hagere Menschen, Verzichte und Verbote. Oh, wie falsch ich doch lag! Minimalismus ist eine höchst sinnliche und auch achtsame Lebensweise, bei der jeder Gegenstand seinen Zweck zu 100% erfüllt. Willst Du nachhaltig und bewusst leben, der weltweiten Vermüllung entgegensteuern sowie einen klaren und aufgeräumten Geist haben, dann ist Minimalismus ein idealer Weg!

Doch was genau versteht man jetzt eigentlich unter Minimalismus? Wir haben einen Experten dazu befragt – Paul Klingenbrunner ist Minimalismus-Coach und praktiziert selbst seit Jahren einen minimalistischen und achtsamen Lebenswandel.

Cont[Act]: Paul, was ist Minimalismus eigentlich?

logo_signaturPaul: „Minimalismus, bzw. ein minimalistischer Lebensstil, bedeutet für mich eine Reduktion auf das Wesentliche. Es geht darum, überflüssigen Ballast – das können Dinge, Einstellungen, Verhaltensweisen, Aktivitäten oder auch Beziehungen sein, die belastend und einschränkend wirken – loszulassen.“

Cont[Act]: Wie bist Du dazu gekommen?

Paul: „Ich war lange Zeit in einem von Materialismus geprägten Hamsterrad gefangen: Ich habe sehr viel Zeit mit Arbeit verbracht, die mich weder zufrieden noch glücklich gemacht hat. Mit dem verdienten Geld habe ich mich dann quasi dafür „belohnt“, den unbefriedigenden Job zu erledigen. Man könnte sagen: Ich habe versucht, mir mein Glück zu erkaufen.

Minimalismus 3Dann kam eine Zeit, in der mir finanziell sehr wenig zur Verfügung stand, da ich mich beruflich verändern wollte und ein Sabbatical einlegte. Meinen teuren Lebensstil musste ich in dieser Zeit radikal ändern. Zu Beginn habe ich damit gehadert und bin immer mehr in Selbstmitleid versunken. Irgendwann hat es mir dann jedoch gereicht, und ich habe begonnen, anders hinzusehen. Inspiriert dazu hat mich meine umfassende Ausbildung in Positiver Psychologie. Ich habe begonnen, mich bewusst und intensiv mit dem Thema Minimalismus und den Auswirkungen eines minimalistischen Lebensstils zu beschäftigen. Und damit hat sich mein Leben abermals radikal – und bisher sehr positiv und nachhaltig – verändert. Diese Idee möchte ich nun weitergeben.

Minimalismus zu leben bedeutet für mich alles andere als Askese und Verzicht – es ist das Gegenteil davon! Seit meiner Entscheidung für einen minimalistischen Lebensstil lebe ich ein Leben in der Fülle dessen, was mich glücklich und zufrieden macht. Ich kann mich direkt mit den Sachen beschäftigen, die mir wirklich wichtig sind. Und ich genieße es – jeden Tag.“

Cont[Act]: Jeder Deutsche soll durchschnittlich 10.000 Dinge besitzen. Wo fängt man da an? 

Minimalismus 2Paul: „Bevor du mit einer Reduktion beginnst, solltest du dich fragen, was dein Ziel ist. Geht es dir nur darum, dein Regal aufzuräumen, oder soll es umfassender sein? Möchtest du Ordnung in dein Leben bringen? Sich über das Ziel klar zu werden – und das geschieht auch im Coaching – ist wesentlich für das Gelingen des Vorhabens. Hat man das Ziel klar vor sich, ist es wichtig, dass man in kleinen Schritten zu reduzieren beginnt. Wenn es lediglich um eine Reduktion im Äußeren geht, dann beginnt man zum Beispiel mit dem Schreibtisch oder auch mit dem Kleiderkasten, je nachdem wo die Priorität liegt. Die kleinen Schritte sind deshalb so wichtig, weil man sonst rasch den Überblick verlieren kann und schließlich resigniert. Man kann sich beispielsweise jeden Tag nur 20 – 30 Minuten dafür Zeit nehmen. Das Ziel dabei muss nicht sein, sein Hab und Gut auf 100 Dinge zu reduzieren, sondern sich viel mehr mit der Frage auseinanderzusetzen: Wieviel wovon brauche ich tatsächlich, damit ich glücklich und zufrieden leben kann? Und wovon kann ich mich jetzt trennen, damit dies möglich wird?

Fragen, die außerdem hilfreich sind: Brauche ich das wirklich? Habe ich bereits etwas dieser Art? Bringt es einen Mehr-Wert in mein Leben? Und wenn man an die Umwelt denkt, kann man sich auch die Frage stellen: Was sind die ökologischen Folgen dieser Anschaffung?“

Cont[Act]: Was bringt ein minimalistischer Lebensstil?

Paul: „Das Ziel ist es, bewusster zu leben. Die Vorteile sind dabei vielfältig, folgend ein paar der für mich Wesentlichen:

  • ZEIT – Der meiner Ansicht nach größte Vorteil ist, dass ein Leben in der Fülle all dessen möglich wird, was Menschen tatsächlich glücklich und zufrieden macht: Man gewinnt Lebenszeit für sich selbst, die Aktivitäten und Menschen, die einem wichtig sind.
  • Minimalismus ArtikelFREIHEIT – „Wer besitzt, wird besessen“, besagt ein Sprichwort. Wenn du dir Dinge anschaffst, musst du diese auch pflegen, in Stand halten und lagern. Und natürlich musst du diese schließlich auch wieder entsorgen. Der ganze Ballast um dich herum bestimmt somit dein Leben. Du musst arbeiten, um Dinge konsumieren zu können, die du nicht wirklich brauchst, und die dich gleichzeitig auffressen. Fällt dieser ganze Ballast weg, gewinnst du Freiheit und Raum für dich und das, was du liebst und dir wichtig ist. Damit entsteht auch Klarheit für das, was du willst, für deine Ziele, für deine Mission.
  • MENSCHEN – Wer sich weniger um seinen Besitz und um seine Verpflichtungen zu kümmern braucht, hat mehr Zeit, um sich mit seinen Mitmenschen zu beschäftigen. Gemeinsame Aktivitäten, Zeit, mit Freunden und Familie zu verbringen, etwas für die Gemeinschaft beizutragen, positive Beziehungen zu führen sind dabei ganz wesentliche Faktoren für das Glückserleben von Menschen.
  • GELD – Arbeitszeit ist Lebenszeit. In all den Konsumgütern, die du besitzt, ist also deine Lebenszeit gebunden. Die Frage, die sich dabei stellt, ist, ob all diese Dinge es wert sind, deine Lebenszeit dafür zu investieren. Wer bewusster und dadurch auch weniger konsumiert, kann Geld sparen. Eventuell muss man auch nicht so viel arbeiten und kann die gewonnene Zeit anderweitig investieren.
  • UMWELT – Mir persönlich ist ein ökologischer und nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen der Natur sehr wichtig. Ein minimalistischer Lebensstil ist ein wichtiger Beitrag dazu.“
Cont[Act]: Du bist ja Minimalismus-Coach. Was genau macht ein Minimalismus-Coach, was bietest Du konkret an?

Paul: „Menschen kommen aus unterschiedlichsten Gründen zu mir. Ich arbeite mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihre Perspektive im Leben suchen, mit Kunden, die unzufrieden sind im Job, mit Unternehmen, deren Mitarbeiter und Führungskräfte ich coache, bis hin zu Menschen, die sich in Lebenskrisen befinden.

positiv denkenBei anderen Anbietern steht oft die Reduktion im Äußeren im Vordergrund. Das sehe ich anders. Natürlich gebe ich auch Tipps und Anregungen dazu, was und wie im Äußeren reduziert werden kann. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass eine Unordnung im Äußeren in vielen Fällen auf eine Unordnung im Inneren verweist. Im Minimalismus-Coaching biete ich daher professionelle Begleitung für Menschen an, die von den Vorteilen eines minimalistischen Lebensstils profitieren wollen, um ein gelingendes, zufriedenes, glückliches und erfülltes Leben führen zu können. Mein Coaching-Konzept kombiniert dafür die neuesten Erkenntnisse aus der Positiven Psychologie mit Minimalismus.

Wir befinden uns in einer so schnelllebigen Zeit, getrieben von Druck und Stress versuchen wir ständig auf der Überholspur zu sein. Dabei geht der Blick für das Wesentliche im Leben häufig verloren. Minimalismus-Coaching ist eine Rückbesinnung auf das Wesentliche im Leben, auf das, was das Leben bereichert und lebenswert macht.“

Cont[Act]: Vielen Dank für das Interview, lieber Paul! 

Und für alle, die vom Minimalismus noch nicht genug haben, gibt’s unten noch ein paar inspirierende Videos zum Thema! 🙂

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logo - fotoPaul Klingenbrunner | Der Minimalismus-Coach
Psychologische Beratung – Coaching – Training
M: mail@minimalismus-coach.at
W: www.minimalismus-coach.at

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TedX-Talk von Joshua Fields Millburn & Ryan Nicodemus, besser bekannt als „The Minimalists„:

Und hier noch eine Room-Tour von Minimal Mimi:

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