Männer

Wir Männer – ein Interview

Die Geschlechteridentitäten haben in den letzten 30-40 Jahren einen massiven Umbruch und ein Aufbrechen früherer Rollenkonzepte erlebt. Es ist heutzutage nicht mehr so einfach zu sagen, was als „typisch männlich“ und was als „typisch weiblich“ gilt. Dies führt einerseits zu vielen neuen Chancen und Möglichkeiten, kann andererseits aber auch verwirrend sein und vor unbekannte Herausforderungen stellen. Während es in Bezug auf die Veränderung des Rollenbildes von Frauen sehr viel Literatur, Initiativen, Forschungsprojekte, etc. gibt, wollen wir uns heute einmal mit der Perspektive der Männer beschäftigen.

Wir haben die beiden Psychotherapeuten Oliver und Gerhard, Initiatoren von „Wir Männer„, zu diesem Thema interviewt.

Cont[Act]: Worum geht es da eigentlich bei eurem Projekt „Wir Männer“?

Maenner 1Oliver: In erster Linie geht es darum, Männern die Möglichkeit zu bieten, sich zu reflektieren und zu schauen, wie es ihnen in den jeweiligen Lebenssituationen geht und was eventuell Dinge wären, die sie gerne verändern würden. Wir versuchen hierbei einen ganzheitlichen Blickwinkel einzunehmen und betrachten sämtliche Lebensbereiche: vom Aufwachsen in der Herkunftsfamilie über die verschiedenen Rollen, die Männer haben, wie etwa Berufstätige, Partner, Väter, etc. bis hin zur Innenwelt und zum seelischen Bereich.

Gerhard: Hier sei auch der Begriff der „Männergesundheit“ erwähnt, wo es vor allem auch präventiv darum geht, an der Lebenszufriedenheit zu arbeiten sowie das eigene Potential zu erkennen und auszuschöpfen. Ein wichtiger Bereich sind auch die unterschiedlichen Beziehungsformen: wir wollen nicht nur den heterosexuellen Familienvater ansprechen, sondern öffnen den Raum auch für Themen wie Transgender und Homosexualität und alternative Beziehungsformen. Weiters geht es auch viel um den gesellschaftlichen Druck, bestimmten Rollenbildern zu entsprechen – manche werden einem angeboten, manche aufgezwungen, manche zugeschrieben. Hier geht es darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, was mir ganz persönlich entspricht und wie ich meine eigene „Rolle“ aktiv gestalten kann.

Oliver: Zusammenfassend kann man sagen, es geht darum, über den Tellerrand zu blicken und zu schauen: was braucht es, um als Mann gut leben zu können und das eigene Leben modern und bedürfnisgerecht zu gestalten?

Cont[Act]: Und wie seid ihr dazu gekommen? 

Maenner 2Oliver: Mit Geschlechtsidentität befasse ich mich schon eine ganze Weile, seit dem Studium eigentlich, vor allem auch angesprochen durch psychoanalytische Seminare und Vorlesungen. Viele Theoriekonzepte der Psychologie sind natürlich noch geprägt vom Patriarchat und haben einen sehr männlichen Fokus dabei. Für mich persönlich die größte Konfrontation mit der Thematik war dann, als ich selbst ungeplant Vater wurde. Das hat mich wirklich sehr herausgefordert und an meine Grenzen gebracht – für eine ganze Weile habe ich mich nicht ausgekannt und auf Verhaltensweisen zurückgegriffen, die vielleicht nicht immer die konstruktivsten waren. Mit der Zeit bin ich hineingewachsen und es ist alles sehr positiv verlaufen – ein Kind ist wirklich das größte Abenteuer, aber auch das Schönste, das kann ich heute mit vollster Überzeugung sagen.

Gerhard: Mir ist gerade eingefallen, dass mich zur Psychotherapie passenderweise ein Mann inspiriert hat, der für mich in der damaligen Lebensphase sehr wichtig war – das war ein Professor, bei dem ich Studienassistent war und der einen sehr interessanten Führungsstil hatte. Er war stets ganz klar der Rudelführer, der Alpha, welcher Struktur und Ziele vorgibt und trotzdem hat er es geschafft – und das habe ich bewundert an ihm – Entwicklung zu ermöglichen. Er hat uns als seine StudentInnen stets herausgefordert, selbst zu denken, eigene Schritte zu tun und sogar zu rebellieren – er hat sich dieser Konfrontation immer gestellt und das fand ich faszinierend. Schließlich fand ich heraus, dass er auch Psychotherapeut war und das war der erste Anstoß für mich, auch in diese Richtung zu gehen. Später dann traf ich Oliver und er wollte ein spezielles Angebot für Väter entwickeln, was in meiner damaligen Lebenssituation gerade super passte: ich befand mich in einer Beziehung mit einer Frau, die zwei Kinder in die Partnerschaft mitbrachte und begann, mich mehr mit der väterlichen Rolle auseinanderzusetzen. So ist das Ganze dann entstanden, was wir seither zusammen aufgebaut haben.

Cont[Act]: Wie seht ihr die derzeitige Männerrolle in unserer Gesellschaft? Wenn es so etwas denn gibt… 

Oliver: Auch wenn es natürlich immer noch ein paar festgefahrene Rollenbilder gibt, so sind auch viele alte Rollenmodelle schon aufgebrochen, was ein großer Vorteil ist, da dies mit der Freiheit einhergeht, sich auszuprobieren. Auf der anderen Seite schafft es aber auch viel Unsicherheit, weil bekannte Modelle eben so nicht mehr tragen und nicht mehr jene Sicherheit bieten, die man gewohnt ist und die man vielleicht auch im Aufwachsen miterlebt hat. Generell erleben wir derzeit viel Konfusion in den Rollenmodellen und die Menschen, und darunter wir Männer, sind angehalten, sich mit der Frage auseinander zu setzen: „Was möchte ich wirklich? Was ist mir wirklich wichtig?“ Die Gesellschaft als solche reagiert eher träge und mit einer gewissen Verzögerung auf Veränderungen in Rollenmodellen, und so werden immer wieder bestimmte, rollenspezifische Erwartungshaltungen an einen herangetragen, die man eigentlich bereits hinter sich gelassen hat.

Maenner 3Gerhard: Derzeit gibt es wirklich eine große Bandbreite an Ideen zum Männerbild – von ganz traditionellen bis hin zu sehr modernen und experimentellen Konzepten. Natürlich spielen da auch viele Faktoren eine Rolle wie Alter, kultureller Background, familiärer Hintergrund, etc. Es auf eine „derzeitige“ Männerrolle zusammenzufassen, scheint mir unmöglich… Was ich sehe ist, dass viele bisherige Rollenbilder aufbrechen und viel Bewegung in die Identitäten kommt.

Cont[Act]: Welche Herausforderungen ergeben sich in diesem Prozess für Männer? Und für Frauen?

Oliver: Die Herausforderung für beide Geschlechter sehe ich ganz klar darin, in diesem „Pool der Unklarheiten“ einen eigenen Weg zu finden, der wirklich stimmig ist und den eigenen Bedürfnissen sowie dem seelischen Verlangen entspricht.

Gerhard: Eine weitere Herausforderung sehe ich im Aspekt der Solidarität. Aufgrund der Vielfalt in den Rollenmodellen haben Gruppen eine andere Qualität bekommen – man muss sich auch gemeinsam viel mehr hinterfragen, in die Konfrontation gehen, sich austauschen und messen und eventuell auch Konflikte klären, um als Gruppe einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Oliver: Ja, generell ist es herausfordernd, wenn bekannte Verhaltensmuster nicht mehr so funktionieren – ob sich nun Männer untereinander begegnen oder Männer und Frauen: jegliche Form der Begegnung ist ebenfalls in Bewegung und muss immer wieder aufs Neue ausverhandelt und erprobt werden. Eine wichtige Ebene kann sein, wirklich zu hinterfragen, wie es einem in den unterschiedlichen Begegnungen geht – wie geht es mir mit männlichen und weiblichen Freunden, wie in der Partnerschaft, mit den Eltern, etc. Gerade durch die Eltern bzw. die Personen, die uns in unserer Kindheit und Jugend intensiv begleitet haben, haben wir ja viel gelernt und sind besonders geprägt. Und das betrifft Männer genauso wie Frauen.

Cont[Act]: Auch die Begegnung ist in Bewegung – schön gesagt! Wir können das auch spüren, in unserer Mann-Frau-Beziehung…

Oliver: Ja, die Möglichkeiten, sich mit bestimmten Rollen zu identifizieren, sind für beide Geschlechter gestiegen und es gilt heute einfach mehr, sich abzusprechen und in einen guten Kontakt miteinander zu kommen. Das erfordert auch, sich mehr zu zeigen und sich gegenseitig zu offenbaren. Männer haben ihre Probleme, aber Frauen genauso! Frauen sind immer noch konfrontiert mit schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen, Stichwort Karriere. Die Themen Emanzipation und Feminismus sind nach wie vor aktuell – Bewegungen, die aus einer sehr unbefriedigenden Situation heraus entstanden sind.

Maenner 4Gerhard: In Bezug auf Emanzipation ist mir auch wichtig zu sagen, dass oftmals in Diskussionen rund um die Themen faire Entlohnung, Kindererziehung, Gleichstellung, etc. eine Polarisierung im Sinne von „Frauen sind so, Männer sind so“ bedient wird – das halte ich für kontraproduktiv. Die Frage sollte sein: „Hey, was können wir gemeinsam tun, damit es ein neues Miteinander gibt?“ Natürlich ist es wichtig, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, aber ich wünsche mir parallel auch mehr von der Qualität des Miteinanders in diesem Zusammenhang. Schließlich führen Veränderungen in einem Rollenbild zu einer Wechselwirkung – beispielsweise kann es keine „neuen Väter“ ohne „neue Mütter“ geben. Verändert sich eine Rolle, verändert sich die Beziehung und damit auch das Gegenüber.

Oliver: Und im Endeffekt muss jedes Paar für sich eine Regelung finden, mit der es gut leben kann – das kann sein, dass beide Karriere machen und gleichermaßen einen Beitrag zum Haushaltseinkommen leisten, es kann aber genauso gut sein, dass sich Schwerpunkte bilden, auch temporäre Schwerpunkte! Zum Beispiel, dass einmal der Mann eine Zeit lang bei den Kindern ist und die Frau sich auf ihre Karriere konzentriert und irgendwann drehen sie es um und tauschen den Schwerpunkt. Generell sollte es hier auch viel mehr Flexibilität bei den Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz und in Unternehmen geben – was natürlich auch von politischen Rahmenbedingungen abhängig ist.

Gerhard: Was wir besonders oft von Männern hören, die eine Zeit lang zuhause bleiben, während ihre Partnerinnen arbeiten gehen, sind negative Reaktionen des Umfelds – oft auch aus der Herkunftsfamilie, also der älteren Generation. Da kommen mitunter Sätze wie „Du bist ja kein Mann, wenn Du Deine Familie nicht ernährst“ oder „Wenn Du kein Geld verdienst, bist Du kein echter Mann“. Für das Paar selbst ist das jedoch nicht so, sie sehen es anders und haben es sich so ausgemacht. Hier ist die Herausforderung die, einen Weg zu finden, mit dem Unverständnis der Eltern, Schwiegereltern oder auch Freunden umgehen zu können und sich das nicht so sehr zu Herzen zu nehmen.

Cont[Act]: Was genau bietet ihr jetzt an und an wen richtet sich euer Angebot?

Oliver: Unser Angebot richtet sich an Männer aller Altersstufen. Wir sind beide vom Grundberuf her Psychotherapeuten und bieten Einzelgespräche, Selbsterfahrung, Coaching, aber auch Gruppenselbsterfahrung, Themenabende und Workshops an. Wir haben auch eine fortlaufende Männergruppe, die sich regelmäßig trifft. Ein Workshop kann beispielsweise einen Tag lang dauern und sich mit einem bestimmten Thema befassen, etwa der Aggression und dem Umgang mit dieser Energie.

Gerhard: Für mich ist besonders das Gruppensetting spannend, weil es einfach inspirierend ist, so viele unterschiedliche Männer in Beziehung miteinander zu erleben. Wir verbinden auch gerne Selbsterfahrung mit Aktivitäten, wie beispielsweise Segeln. Gerade ein Segelboot ist ein spannendes Setting, da man hier auf engstem Raum viel Zeit miteinander verbringt und wunderbar Nähe, Distanz, Führungsverhalten und Feedback der Gruppe erfahren kann.

Oliver: Eines unserer Ziele ist auch die Etablierung eines Netzwerks von männlichen Trainern und Therapeuten, die sich viel mit dem menschlichen Leben befassen und andere Männer dabei begleiten können, ihren Weg zu finden.

Cont[Act]: Wie kann man sich so einen Abend in eurer Männergruppe vorstellen?

Gerhard: Am besten kommen und anschauen. (lacht)

Oliver: Die regelmäßige Männergruppe findet abends statt und ist themenoffen, das heißt, die jeweiligen Themen ergeben sich aus der Jetzt-Situation der Teilnehmenden heraus. Auch gewisse Grundthemen des Lebens finden Platz und werden in diesem sicheren, vertrauten Rahmen erfahrbar. Es geht in der Gruppe sehr um das Miterleben und den Einblick in die Verschiedenheit der Lebensentwürfe, die möglich sind. Am Ende des Abends geht man entspannter und in sich beruhigter aus dem Treffen hinaus und hat Zuversicht und Freude gewonnen.

Gerhard: Ja, wobei ich auch manchmal aufgeregter und mit neuen Fragestellungen nach Hause gehe. 🙂

Cont[Act]: Bei euch spielt ja der personzentrierte Ansatz nach Carl Rogers eine große Rolle. Wollt ihr dazu vielleicht noch etwas sagen?

MännerOliver: Carl Rogers ist sehr bekannt aus der humanistischen Bewegung, er hat in den USA gelebt und ist 1987 verstorben. Er hat sehr viel mit Gruppen gearbeitet und den humanistischen Ansatz mitgeprägt und großgemacht. In seiner Methode geht es darum, die Aufmerksamkeit auf Befindlichkeiten und Empfindungen zu richten, die da sind und auch besonders die in den Fokus zu rücken, die nicht da sein dürfen. Zum Beispiel jetzt auf das Thema der Geschlechteridentitäten umgelegt: Welche Gefühle sind als „männlich“ akzeptiert, welche sind nicht kompatibel mit bestimmten Rollenverständnissen und wo gibt es hier Einschränkungen der Persönlichkeit in diesem Spannungsfeld.

Gerhard: Wichtig ist auch, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, wo man selbst zu bewerten anfängt. Ein Grundsatz in der Therapie ist ja auch die bedingungslose Wertschätzung – und genau da, wo mir das schwerfällt, gilt es zu schauen, was in mir vorgeht, welche Rollenbilder in mir gerade wirksam sind, wo ich selbst vielleicht eingefahren bin, etc. Gerade auch in der Männergruppe erleben wir das häufig, dass die Teilnehmer ihre Komfortzone verlassen müssen, um über bestimmte Themen reden zu können, oder manchmal stoßen sie auch an ihre Grenzen, möchten vielleicht etwas Abwertendes statt Wertschätzendes sagen, was natürlich genauso sein darf – das Tolle an dem geschützten Raum einer Gruppe ist ja, dass man sich an die schwierigen Themen heran tasten kann und reflektieren kann, was bestimmte Dinge mit uns machen.

Cont[Act]: Als abschließende Frage: Was ist eure Vision, was wünscht ihr euch für den „Mann der Zukunft“?

Oliver: Dass die Möglichkeiten wirklich offen stehen, sowohl für Männer, als auch für Frauen. Dass man sein Leben freier, bedingungsbefreiter einrichten und gestalten kann. Dass das Grundbedürfnis der Sicherheit gedeckt ist und somit eine freiere Ausdrucksmöglichkeit gegeben ist.

Gerhard: Ich wünsche mir für die Zukunft, dass jeder Mensch rundum „gesund“ leben kann – also gut im Kontakt ist mit sich selbst und mit den Menschen, die ihm wichtig sind, Freunde, Partner, Kinder, Kollegen, etc. Auch die Freiheit und Möglichkeit zu haben, aktiv gesellschaftliche Prozesse mitgestalten zu können erscheint mir wichtig. Einfach eine Balance zu finden in allem, wo ich in Kontakt mit mir selbst bin, mit anderen, aber auch mit der Umwelt und der Natur.

Cont[Act]: Vielen Dank für das Interview! 🙂 

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WIR MÄNNER – EINE INITIATIVE FÜR DEN MANN
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Gerhard Gastautor
Gerhard Bruckner, Dipl.Ing., Mag., Psychotherapeut

„Ich arbeite als personzentrierter Psychotherapeut mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu den Themen Aggression, Beziehung, Trennung/Scheidung, Erziehung, Ausbildung und berufliche Orientierung. Ein wichtiger Schwerpunkt dabei ist männerspezifische Arbeit in Beratung und Psychotherapie.“

 

 

 

Oliver Gastautor
Oliver Hänel, BA.phil., Psychotherapeut i.A.

„Als Initiator von www.wir-maenner.at möchte ich meine Erkenntnisse als Mann & Vater teilen und andere Männer dabei begleiten, ihr Potential zu entdecken, um eine passende Rolle für sich selbst zu finden.“

 

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