Nahtoderfahrung: Leben nach dem Tod?

Wie fühlt es sich an, zu sterben? Was geschieht mit uns, nachdem wir tot sind? Ist mit dem Tod endgültig alles zu Ende oder ist er nur ein Übergang in eine andere Seinsebene?

Eine Frau berichtet von einer Erfahrung während eines Herzstillstands nach einer Operation: „Von da an stieg ich ganz langsam in die Höhe… Während des Emporsteigens sah ich immer mehr Schwestern ins Zimmer kommen. Sie riefen einen Arzt… Ich wurde immer weiter hinaufgetrieben, an der Lampe vorbei, bis ich unter der Decke stehen blieb. Dort oben schwebend blickte ich hinunter und sah den Ärzten bei der Wiederbelebung zu.“ (Jakoby, 2016:16)

Nahtoderfahrungen zu erforschen ist nicht mehr nur Aufgabe von „EsoterikerInnen“ – auch die moderne Wissenschaft widmet sich mehr und mehr diesem spannenden Bereich. Doch was ist eine Nahtoderfahrung überhaupt?

Wasserfall und RegenbogenMedizinisch gesehen gilt ein Mensch dann als tot, wenn sein Gehirn keinerlei Aktivitäten mehr zeigt – also „hirntot“ ist. In Deutschland wurde am 1.12.1997 das „Gesetz über die Spende, Entnahme und Übertragung von Organen“ in Kraft gesetzt – es besagt, dass ein Mensch dann als verstorben gilt, wenn das Gehirn „tot“ ist, auch wenn einige Organe noch funktionieren (diese Regelung ist hinsichtlich der Organspende zwar nachvollziehbar, dennoch wirkt die Vorstellung doch etwas grotesk, dass ein Mensch mit aktiven Organen bereits endgültig als verstorben gelten soll).

Dank immer effizienter werdender Reanimationstechniken in modernen Krankenhäusern gelingt es häufig, PatientInnen ins Leben zurück zu holen, die bereits als klinisch tot galten. Einige auf diese Weise ins Leben zurückgeholte PatientInnen berichteten anschließend von speziellen Erfahrungen in der Zeit, als sie klinisch gesehen tot waren – dies bezeichnet man als „Nahtoderfahrung“ (kurz: NTE). Dabei berichten Betroffene von einer Loslösung der Seele bzw. des Bewusstseins vom physischen Körper. Interessant ist, dass unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Religion einige bestimmte Aspekte der NTE immer wieder genannt werden – so etwa die Erfahrung von tiefem Frieden und nie erlebter inniger Liebe.

„Es war wie ein totales Eintauchen in Licht, Helligkeit, Wärme, Frieden, Sicherheit. Außerhalb meines Körpers spürte ich überhaupt nichts. Ich sah weder meinen Körper noch sonst jemanden. Ich kam einfach nur plötzlich in dieses wunderbare helle Licht. […] eigentlich ist es unmöglich, es zu beschreiben. Nicht mit Worten. Es ist, als wäre man eins mit diesem Licht. Ich könnte sagen: ‚Ich war Frieden, ich war Liebe.‘ […] alles ist ein Teil von einem selbst […] als wäre ich schon immer dort gewesen, als würde ich immer dort sein.“ (Ring, 1988:55)

Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, welche als Begründerin der Sterbeforschung gilt, beschäftigte sich seit Mitte der 1960er-Jahre intensiv mit dem Sterbeprozess und in späteren Jahren auch zunehmend mit Nahtoderfahrungen. 1969 definierte sie in ihrem Buch „On Death and Dying“ 5 Phasen, durch welche todkranke Menschen gehen, bevor sie sterben: Nicht wahrhaben wollen (Denial), Zorn (Anger), Verhandeln (Bargaining), Depression und Akzeptanz (Acceptance). Spätere AutorInnen und ForscherInnen bezogen sich auf Kübler-Ross‘ Arbeit und entwickelten sie weiter, so etwa der amerikanische Psychiater Raymond Moody, welcher seine Forschungen ganz auf das Feld der Thanatologie (der Wissenschaft von Tod, Sterben und Bestattung) ausrichtete. In seinem 1975 veröffentlichten Werk „Life after Life“ untersuchte er 150 Fälle von Nahtoderfahrungen und fasste einige der am häufigsten auftretenden Aspekte solch einer Erfahrung zusammen (Reihenfolge nicht vorgegeben):

  • Nahtoderfahrung 1Wahrnehmung eines unangenehmen Geräusches (Läuten, Brummen)
  • Bewegung durch einen Tunnel
  • Wahrnehmung der Umgebung außerhalb des eigenen Körpers
  • Erkennen, dass man weiterhin eine Art „Körper“ besitzt, der sich jedoch vom menschlichen Körper unterscheidet
  • Bekannte Wesen, oft verwandte Verstorbene, sind anwesend
  • Erscheinung eines Lichtwesens, mit welchem mitunter ein Dialog geführt wird
  • Rückschau auf das eigene Leben
  • Vorhandensein einer Art „Schranke“, welche die Grenze zwischen Leben und Tod darstellt
  • Widerstand, wieder ins Leben zurückzukehren
  • Gefühl einer umfassenden Freude und Liebe, sowie tiefem Frieden
  • Mitteilungsversuche an Ärzte und Umstehende

Oftmals kommt es bei Betroffenen von NTE auch zu langfristigen Veränderungen – so nehmen Menschen nach solch einer Erfahrung das Leben bewusster und tiefer wahr und setzen sich häufiger mit philosophischen Grundfragen auseinander als zuvor. Weiters verlieren die meisten ihre Angst vor dem Tod und blicken dem Sterben entspannt und furchtlos entgegen.

Mehr Menschen, als man vielleicht vermuten würde, haben bereits solch eine Erfahrung „nahe dem Tode“ gemacht: laut einer Studie des Berliner Soziologen Hubert Knoblauch soll es allein in Deutschland ca. 3,3 Millionen Betroffene geben (ca. 4% der Bevölkerung)!

Nahtoderfahrung 2Da es sich bei Nahtoderfahrungen um ein Grenzgebiet der Wissenschaft handelt, gibt es auch viele kritische Stimmen, wie etwa Prof. Dr. Olaf Blanke, welcher der Ansicht ist, NTEs seien „Illusionen, erzeugt im Gehirn“. Vor allem die Neurowissenschaften gehen von der Annahme aus, das Bewusstsein würde vom Gehirn erzeugt und eine NTE wäre demnach ebenfalls ein Produkt des Gehirns. Da es jedoch auch NTE-Berichte von Personen gibt, welche bereits hirntot und somit auch bewusstlos waren, steht die Wissenschaft vor einem Problem: Womit machen die Betroffenen die Nahtoderfahrung, wenn das Bewusstsein nicht mehr vorhanden ist? Oder anders: Wenn das Bewusstsein doch getrennt vom Gehirn existiert – wo sitzt es, was kann es, wie können wir es nutzen? Eine weitere interessante Frage ist: Warum haben nicht alle Menschen, die klinisch tot waren und dann wiederbelebt wurden, eine NTE? Oder können sich manche einfach nicht daran erinnern? Und wenn das der Fall ist: Warum nicht? Dies alles sind Fragen, denen die Forschung in den nächsten Jahren nachgehen kann (und wird).

Für viele AutorInnen, wie etwa den deutschen Literaturwissenschafter Bernard Jakoby, bedeuten die Erkenntnisse aus NTEs, dass es nach dem Tod eine Seinsebene gibt, in welcher unser Bewusstsein weiter existiert und in der wir sogar weiterhin Entscheidungen treffen können. Die Seele, welche laut ihm den Sitz unseres Geistes darstellt, würde ewig leben und nicht vergänglich sein. Jakoby steht mit dieser Ansicht keineswegs alleine: Auch für Elisabeth Kübler-Ross wurde es im Zuge ihrer jahrelangen Forschungen schließlich zur persönlichen Überzeugung, dass es ein Weiterleben nach dem Tod und Reinkarnation gibt (wofür sie von ihren KollegInnen aus der medizinischen Wissenschaft stark kritisiert wurde).

Was auch immer Du selbst von Nahtoderfahrungen und einer möglichen Weiterexistenz nach dem physischen Tod hältst – es lohnt sich allemal, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen. Nicht nur zählen Nahtoderfahrungen zu den bisher ungelösten Rätseln der Wissenschaft, ihre weitere Erforschung könnte auch das Potential enthalten, Antworten auf manche der ältesten Fragen der Menschheitsgeschichte zu liefern.

 


Bücher:
  • Duerr, Hans Peter (2015): „Die dunkle Nacht der Seele. Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen.“ Insel Verlag, Berlin
  • Jakoby, Bernard (2016): „Das Leben danach. Was mit uns geschieht, wenn wir sterben.“ 10. Auflage. Erstausgabe 2001. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg
  • Kübler-Ross, Elisabeth (2012): „Erfülltes Leben – würdiges Sterben“ 2. Auflage. Erstausgabe 1992. Wilhelm Goldmann Verlag, München
  • Kübler-Ross, Elisabeth (1994): „Über den Tod und das Leben danach.“ Silberschnur Verlag
  • Moody, Raymond (1977): „Leben nach dem Tod“. Rowohlt Verlag
  • Ring, Kenneth (1988): „Den Tod erfahren – das Leben gewinnen.“ Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach

 

Weiterführendes:

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