Gartenernte

Mit uns ist gut Kirschen essen – Interview: Gartenernte

Juhu, wieder ein Interview! 🙂 Im Herbst 2015 ging die Plattform Gartenernte online – Österreichs Online-Marktplatz für Obst und Gemüse. Wir haben die zwei schlauen Köpfe hinter Gartenernte – Niklas und Kurt – zu ihrer Motivation und ihren Zukunftsvisionen interviewt.

Cont[Act]: Worum geht es bei Gartenernte?

Gartenernte LogoKurt: Bei Gartenernte geht es darum, dass Leute selbstangebautes Obst und Gemüse, das sie nicht rechtzeitig verwerten können, verkaufen bzw. auch verschenken können – von privat zu privat. Für größere Lebensmittelspenden sind wir auch mit sozialen Organisationen verbunden. Das Tolle daran ist, dass der User somit regionales Obst und Gemüse direkt aus seiner Nachbarschaft – also aus Nachbars Garten – erhält, unter den Anbietern sind Hobbygärtner und Kleingärtner genauso wie Biobauern. Sowohl das Inserieren als auch das Suchen von Waren ist dabei völlig kosten- und werbefrei.

Cont[Act]: Und wie funktioniert das dann genau?

GartenernteNiklas: Man geht einfach über den Computer oder das Smartphone auf www.gartenernte.at und gibt oben auf der Startseite im Suchfeld ein, nach was man sucht. Wenn ich zum Beispiel nach Kirschen suche, gebe ich einfach „Kirsche“ ein und es werden einem alle Angebote aufgelistet, die mit Kirschen zu tun haben. Die Suche kann auch verfeinert werden, so kann ich zum Beispiel nach „Kirschen in Wien“ oder „Kirschen in 1060“ suchen. Besonders schön finde ich, dass es auch Angebote gibt, wo man selbst Obst pflücken kommen kann. Die Kontaktaufnahme zu einem Anbieter geschieht anonymisiert, das heißt, über das Kontaktformular wird eine verschlüsselte E-Mail an den Anbieter gesendet, welcher direkt auf diese Nachricht antworten kann. Es werden bei Gartenernte prinzipiell keine Daten hergegeben, alles wird verschlüsselt versendet. Natürlich gibt es auch Anbieter, welche ihre Telefonnummer zum Angebot dazustellen, das ist aber nicht verpflichtend – das kann jeder so handhaben, wie er möchte. Manche geben auch bestimmte Zeiten an, wo man einfach vorbeikommen kann. Möchte man selbst etwas anbieten, geht das ganz einfach: Man legt sich ein Benutzerkonto mit E-Mail-Adresse, Benutzernamen und Passwort an. Dann erhält man eine E-Mail mit einem Bestätigungslink und schon kann man seine ersten Angebote online stellen. Wir haben lange daran gearbeitet, um die Bedienung der Plattform einfach und intuitiv zu gestalten. Mit ein paar wenigen Klicks sollen Angebote erstellt und online geschalten werden können. Super ist es, wenn man noch ein paar Fotos dazu stellt, dann kann sich ein Suchender gleich ein Bild von der Ware machen.

Kurt: Die gesamte Kommunikation zwischen Interessent und Anbieter funktioniert direkt. Das ist einer der großen Vorteile der Plattform, dass der Nachbarschaftsgedanke wieder gestärkt wird. Der Käufer kann sich vor Ort von der Ware überzeugen, wenn er das möchte, und Kontakte zu Gärtnern und Biobauern aus seiner Nähe knüpfen. Ein weiterer Vorteil ist, dass Obst und Gemüse aus privaten Gärten meistens ungespritzt ist – wer spritzt schon das eigene Obst und Gemüse, wenn er es selbst noch essen möchte?

Cont[Act]: Und die Nutzung der Plattform ist vollkommen kostenfrei?

Niklas: Genau, weder der Käufer/Interessent noch der Anbieter haben mit irgendwelchen Kosten zu rechnen. Es gibt auch keine versteckten Kosten im Hintergrund.

Cont[Act]: Ihr verdient nichts mit der Plattform – was ist eure Motivation, so eine Plattform in eurer Freizeit zu betreiben?

GartenernteKurt: Wir sind beide Hobbygärtner und pflanzen Obst und Gemüse in unseren Gärten an. Ich selbst habe einen kleinen Schrebergarten auf der Schmelz, wo wir einen sehr großen Marillenbaum haben. Jedes Jahr, wenn die Ernte reif ist, bleibt mir sehr viel Obst über, welches ich einfach nicht rechtzeitig verwerten kann – auch nachdem man körbeweise Marillen im Freundeskreis verschenkt hat, Marmelade und Kompott gemacht hat… Es bleibt einfach jede Menge übrig, was dann verrottet oder weggeschmissen wird. Irgendwann kam die Idee, dass es doch toll wäre, diese überschüssige Ernte Leuten anzubieten, die vielleicht keinen eigenen Garten haben. Früher gab es auf der Straße so Schilder, wo drauf stand: „Verkaufe Marillen um 2 Euro“. Und genau dieses Prinzip haben wir mit modernen Kommunikationsmitteln und moderner Infrastruktur mit Gartenernte online geschaffen.

Niklas: Auch bei mir kam die Motivation aus dem eigenen Garten und der überschüssigen Ernte. Ein Kirschbaum hat halt nicht nur 1 Kilogramm Kirschen, sondern vielleicht 20, 30 Kilogramm, die nahezu gleichzeitig reif werden. Man schafft es kaum, das in kürzester Zeit zu verwerten und es blutet einem das Herz, wenn man sieht, wie ein großer Teil der Ernte verrottet. Das verrottende Obst stellt für Gärtner eine zustätzliche Belastung dar, weil dann Wespen und Nacktschnecken kommen und eine Entsorgung der Überschussernte schwierig ist – gerade bei Steinobst; das auf den Kompost zu hauen, ist keine gute Idee.

Eine weitere Motivation für mich ist aber auch, die Qualität des konsumierten Obst und Gemüse wieder zu steigern! Jeder kauft sich heutzutage Obst im Supermarkt, da gibt es dann geschmacksneutrale Erdbeeren aus Spanien und weltreisende Äpfel aus Neuseeland… Wir sagen gerne: „Das Obst und Gemüse in deiner Küche ist weiter gereist als du in deinem letzten Urlaub.“ Im Supermarkt erhalten wir nur hochgezüchtete Sorten – die sind dann vielleicht schön rund, haben eine intensive Farbe, aber sie schmecken nach… nichts! Das Problem ist mittlerweile, dass man (gerade als jemand ohne eigenen Garten), einfach nicht mehr an die Sorten rankommt, die man von früher kennt. Wo bekommt man denn heute noch Kirschen und Zwetschken her, die so schmecken, wie wir es noch aus unserer Kindheit kennen? Die wachsen eben nur noch in den Gärten – im Supermarkt findet man die nicht. Der Vorteil beim Obst und Gemüse aus Nachbars Garten ist nicht nur der Geschmack und die höhere Sortenvielfalt, sondern vor allem auch der kurze Transportweg.

GartenernteKurt: Ja, und da sind wir eigentlich auch schon beim ökologischen Fußabdruck – Lebensmittel aus dem Supermarkt hinterlassen einen enormen Footprint durch die weite Reise, die aufwendige Lagerung, die Tonnen an Verpackungsmaterial… Da sind die Erdbeeren beispielsweise in einem Steigerl, das in Celophan gewickelt ist, welches dann in einem Plastiksack nach Hause transportiert wird. Bei Produkten aus der Nachbarschaft ist der Footprint quasi gleich Null: Der Käufer holt sich die Ware direkt vom Verkäufer ab, nimmt sich zum Beispiel selbst sein Stoffsackerl oder eine Kiste mit und erfreut sich an seltenen Sorten und gutem Geschmack.

Niklas: Die Möglichkeit, bei einigen Angeboten selbst mitzuernten, ist gerade für Kinder ganz toll! Heutige Kinder, die ohne Garten aufwachsen, sind es gewöhnt, dass das Obst und Gemüse einfach aus dem Supermarkt kommt. Die wissen möglicherweise gar nicht, wie anders das Obst und Gemüse früher einmal geschmeckt hat. Hier dann mehr Bewusstsein durch Ernte-Erlebnisse zu schaffen, und Kindern zu vermitteln, dass das Obst vom Baum kommt und nicht aus dem Supermarkt, ist etwas Sinnvolles und Schönes…

Cont[Act]: Dass das Obst nicht im Steigerl wächst…

Niklas: Richtig! Dieses Ernteerlebnis ist was Besonderes – ich freue mich jedes Jahr aufs Neue, wenn die Kirschen reif sind und ich auf den Baum raufklettern kann, um mir die saftigsten Kirschen zu holen. Es ist einfach etwas ganz anderes, aus selbst geernteten Sachen zuhause etwas zuzubereiten…

GartenernteKurt: Viele Menschen – vor allem in größeren Städten – wissen vielleicht auch gar nicht, dass zwei Häuser weiter ein Nachbar einen großen Garten hat und jedes Jahr Unmengen seiner Ernte wegwerfen muss, weil er es nicht selbst verwerten kann. Auf unserer Plattform kann man solche Gärten in der Nähe finden und seine nachbarschaftlichen Beziehungen fördern. Es gibt auch die Möglichkeit, zu tauschen! Zum Beispiel kann der eine sagen: Hey, ich hab Zwetschgen, du hast Marillen, lass uns doch ein paar Kilo tauschen. Und wirklich, in den privaten Gärten wachsen teilweise Sorten, die gibt es nirgends zu kaufen! Das Erlebnis, so eine seltene Sorte zu kosten, ist was ganz Besonderes. Außerdem glaube ich, dass solche Plattformen auch die Motivation erhöhen, selbst etwas anzupflanzen, weil man eben die Möglichkeit hat, anderen Leuten die Ware dann auch weiterzugeben.

Niklas: Zu den seltenen Sorten ist noch zu sagen, dass man ja auch als Gärtner oft Schwierigkeiten hat, überhaupt an seltenes Saatgut oder Pflanzen-Raritäten heranzukommen. Auch die meisten Samen sind standardisiert, ich sage nur Monsanto. Dadurch aber, dass private Leute aus ihren Pflanzen oft auch Samen ziehen, kann man über die Plattform auch an seltene Sorten gelangen.

Kurt: Dadurch ist die Plattform nicht nur in der Ernte-Saison hilfreich, sondern vor allem auch in der Vorernte-Saison, wenn es um den Anbau von Obst und Gemüse geht. Je mehr Leute seltene Sorten anpflanzen, umso eher wird die Sortenvielfalt erhalten und gefördert.

Cont[Act]: Kauft ihr selbst auf eurer Plattform ein?

GartenernteNiklas: Also ich habe schon relativ viel über Gartenernte gekauft, vor allem eben Samen und Setzlinge von alten Sorten, da waren extrem interessante Sachen dabei, zum Beispiel habe ich einen Edelkastanien-Baum gekauft und er hat sogar schon Blätter! Dann habe ich sehr viele Kilometerbohnen gekauft, Süßlupine, Stockrose, Basilikum… Bis jetzt ist jeder Same aufgegangen, man bekommt wirklich Top-Qualität um deutlich weniger Geld, als ich regulär im Geschäft bezahlt hätte.

Kurt: Es ist meistens günstiger von privat zu privat, als wenn Margen von Supermärkten etc. dazukommen… Ich selbst nutze die Plattform auch, hauptsächlich auch für Setzlinge und Saatgut. Ich bin jedes Mal von der Vielfalt des Angebots überrascht, wenn ich hineinschaue. Da sind Produkte dabei, von denen hat man noch nie gehört und erst recht hat man sie noch in keinem Supermarkt gesehen. Wir lernen auch sehr viel dazu durch die Plattform, im Bereich Social Media Marketing und Pressearbeit, was für uns auch persönlich einen Mehrwert bietet.

Cont[Act]: Was sind eure Zukunftspläne für die Plattform, eure Visionen?

Kurt: Wir sind im Herbst 2015 online gegangen, also noch nicht mal ein Jahr ist das her. Mittlerweile sind wir vor allem im Raum Wien stark vertreten, wünschen uns aber für die nächsten Monate, auch in den Bundesländern mehr Reichweite zu erlangen, um das Angebot zu erhöhen und vor allem auch die lokalen Grätzeln zu stärken. Die Plattform ist aufgebaut auf Regionalität, auf Lokalität. Der Nachbarschaftsgedanke soll gestärkt werden.

GartenernteNiklas: Wir sind bereits im Hintergrund daran, eine Ausweitung auf den deutschsprachigen Raum vorzubereiten, aber es wird noch etwas dauern, bis das möglich ist. Ein Hauptziel ist einfach, das Bewusstsein dafür zu erhöhen, dass eigentlich alles in unseren Gärten wächst und wir uns nicht so abhängig machen müssen vom eingeschränkten Sorten-Angebot in Supermärkten.

Kurt: Weiters planen wir gerade eine neue Funktion namens „In meiner Nähe“. Sucht man dann zum Beispiel nach „Marille“, sollen einem alle Angebote nach ihrer Entfernung zum eigenen Standort aufgelistet werden.

Cont[Act]: War euch Nachhaltigkeit schon immer wichtig?

Niklas: Auf jeden Fall! Ich habe schon mein Leben lang einen Garten und ich bin es einfach gewohnt, dass es zu gewissen Jahreszeiten gewisse Obstsorten gibt. Ich würde nie auf die Idee kommen, mit Kirschen im Supermarkt zu kaufen, noch dazu im Februar oder März… Ich esse Kirschen, wenn sie reif sind im Garten; dann brocke ich sie, mache Kuchen und Marmelade daraus und irgendwann ist die Kirschenzeit vorbei und dann kommt das nächste Obst oder Gemüse dran.

Kurt: Mir war Nachhaltigkeit auch immer schon wichtig, ich bin absolut gegen Verschwendung und mich regt die Wegwerfgesellschaft auf, in der wir leben – egal ob das jetzt bei Konsumgütern oder bei Lebensmitteln ist. Alleine die Müllberge, die nur durch Verpackungsmaterial entstehen; die vielen Ressourcen, die verloren gehen und verschwendet werden. Man kann hier viel Sinnvolles bewirken, und viel Gutes tun – eben zum Beispiel überschüssige Lebensmittel an karitative Einrichtungen spenden.

Cont[Act]: Habt ihr noch einen Tipp, was jeder Einzelne von uns machen kann, um nachhaltiger und bewusster mit Lebensmitteln umzugehen?

GartenernteNiklas: Ja, am besten man denkt sich in eine Zeit zurück, wo man noch nicht im Supermarkt zu jeder Jahreszeit sämtliche Obst- und Gemüsesorten erhalten hat. Zurück zu den Wurzeln! Wir haben in Österreich mehr als genug Sorten, die jedes Jahr üppig wachsen – es gibt halt nicht in jedem Monat alles…

Kurt: Genau, die Ware dann kaufen, wenn sie in der eigenen Region wächst und reif ist. Wir haben genug Erdbeeren hier in Österreich, genug Marillen, genug Zucchini… Eine Rückkehr zum saisonalen und regionalen Kaufen, das ist ein wichtiger Schritt in ein nachhaltigeres und umweltbewussteres Leben. Der zweite Tipp ist: Verpackungen vermeiden. Selber Sackerl, Kisten, Taschen mitbringen, möglichst unverpackte Lebensmittel kaufen. Das Stichwort hier lautet Dezentralisierung, also zurück zur Nutzung lokaler Ressourcen.


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