Jenseits von Schwarz und Weiß

Jenseits von Schwarz und Weiß

Ich nehme ja äußere Ereignisse gerne zum Anlass für Reflexion. Nun wurde ich für die Jahre 2017 und 2018 vom Staat Österreich zur Geschworenen bestellt. Per „Zufallsgenerator“. Was heißt das konkret? Das heißt, ich muss pro Jahr an bis zu fünf Gerichtsverhandlungen teilnehmen und anschließend ein Urteil abgeben. Für schuldig oder nichtschuldig. Für einen Freispruch oder eine Verurteilung. Was für eine tolle Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie wir eigentlich unsere „Urteile“ bilden und was wir mit all den Facetten zwischen Schwarz und Weiß so machen können… 

Von klein auf lernen wir, Unterscheidungen zu treffen: Wir teilen die Welt zunächst grob (und unbewusst) in von uns Wahrgenommenes und Nicht-Wahrgenommenes.

Jenseits von Schwarz und Weiß 2Innerhalb des von uns Wahrgenommenen treffen wir dann weitere Unterscheidungen, und dies meist blitzschnell: Gut oder Schlecht? Schön oder Hässlich? Sicher oder Gefährlich? Mit jeder dieser Urteilszuschreibungen formen und bildhauern wir unsere eigene Realität, bis vom großen Kuchen des Lebens irgendwann ein besonders leckeres, aber auch sehr kleines, ja winziges Stück, oder vielmehr ein Brösel übrig bleibt, das wir als „gut, angenehm, richtig“ empfinden – unsere kleine heilige Insel des Komforts.

Noch angenehmer (weil bequemer) wird es, wenn Dinge bereits mit einer klar zugeschriebenen Bewertung daherkommen: Unterwäschemodels sind immer schön; Babies sind immer süß; ein Urlaub am Strand immer entspannend; gesundheitsfördernde Maßnahmen immer sinnvoll; Versicherungen immer notwendig; Attentäter immer abscheulich. Braucht man nicht viel denken. Spart Zeit, spart Nerven, spart Entwicklung.

Jenseits von Schwarz und WeißSich rasch ein Urteil bilden zu können, ist an sich eine sehr hilfreiche Fähigkeit und hat nicht zuletzt über Jahrtausende unser Überleben gesichert. In vielen Situationen ist es von zentraler Bedeutung, in Sekundenbruchteilen eine Situation zu erfassen, zu bewerten und einen entsprechenden Handlungsimpuls zu setzen – nehmen wir beispielsweise eine Autofahrt her. Wir fahren mit 50 km/h auf eine Kreuzung zu, die Ampel ist grün. Plötzlich rennt ein Kind auf die Straße. Bevor wir jetzt auf die Bremse hüpfen (wohlgemerkt innerhalb von einer Sekunde), geschehen mehrere komplexe Vorgänge in unserem Gehirn: Wir nehmen Eindrücke wahr (am zentralsten: Wir sehen das Kind und spüren die Geschwindigkeit des Wagens), bewerten diese (am zentralsten: Wir sind zu schnell, die Konsequenz ist ein Zusammenstoß – das Kind zu überfahren ist schrecklich und daher keine Option) und handeln dementsprechend (wir springen auf die Bremse und versuchen ggf. auszuweichen). Damit wir in einer solchen Situation auf die Bremse drücken, braucht es also einige felsenfeste und klare Urteile – zwei darunter sind besonders ausschlaggebend:

  • Kinder zu überfahren ist etwas Schlimmes.
  • Mit einem Auto in ein Hindernis zu fahren ist gefährlich und lebensbedrohlich.

Hätten wir diese Überzeugungen nicht (oder sogar gegenteilige!), würden wir einfach ungebremst weiterfahren.

Sich rasch Urteile zu bilden und danach zu handeln ist also durchaus etwas Sinnvolles und Wichtiges.

Jenseits von Schwarz und WeißAber: In manchen Situationen täte es durchaus gut, ein Urteil nochmals zu hinterfragen und zu reflektieren. In welchen Situationen? Zum Beispiel in allen, in denen uns unser Urteil in Angst, Leid oder Trennung versetzt. Beispielsweise wenn Menschen, die wir lieben, aus unserer Sicht etwas ganz „Böses“ tun oder sich „total daneben“ benehmen und wir sie deshalb meiden. Oder wenn wir Situationen verfrüht als „gefährlich“ oder „unschaffbar“ einschätzen und uns damit bestimmte Dinge gar nicht erst versuchen trauen. Oder wenn wir uns selbst hart verurteilen und bestrafen für einen vermeintlichen „Fehler“ in der Vergangenheit.

Allzu leicht kippen wir manches Mal in ein „Schwarz-Weiß“-Denken hinein und vergessen, dass jemand oder etwas auch grau, blau, grün, gelb, rot oder gemustert sein kann. Sich von festgefahrenen und einengenden Urteilen zu lösen, kann sehr heilsam und befreiend sein! Plötzlich werden Handlungsoptionen möglich, die zuvor ausgeschlossen waren. Gebundene Energie wird mobil und kann in kreative neue Lösungen fließen. Gräben können überwunden und neue Zuneigung und Liebe können gefühlt werden.

Was kannst du nun konkret tun, um dir über die Motive und Hintergründe deiner eigenen Urteile bewusster zu werden?

Interview dich selbst

  • Jenseits von Schwarz und WeißWenn du jemand anderen verurteilst: Wenn du in der Situation wärst, mit der selben Herkunfts- und Hintergrundgeschichte, mit der selben Ausbildung, den selben Erfahrungen im Leben – Könntest du hundertprozentig wissen, dass du anders handeln würdest? Warum, glaubst du, hat die Person so gehandelt? Wie nimmt es die Person selbst wahr – fühlt sie sich möglicherweise ebenfalls ungerecht behandelt? Wenn ja, warum? Was trägt dein Denken über diese Person zum Zustand eurer Beziehung bei? Wie geht es dir mit diesem Urteil – was fühlst du? Wie (und was) müsstest du über diese Person denken, damit eure Beziehung wieder schön und unbelastet wird? Was in deiner eigenen Geschichte macht es dir unmöglich, jetzt so über diese Person zu denken?
  • Wenn du dich selbst verurteilst: Woher kommt die Überzeugung, dass die Art wie du bist oder das was du getan hast, „schlecht“ ist/war? Wer sonst um dich herum findet das schlecht? Wer aus deiner Familie würde es genauso sehen wie du – und wer würde sagen, dass das alles doch „halb so wild“ ist und dass du „zu streng“ mit dir bist? Was ist die Konsequenz aus der Verurteilung deiner selbst – welche Gefühle hast du, welche Handlungen setzt du (oder setzt du gerade eben nicht)? Was wird möglich und was wird unmöglich durch diese Haltung?

Die Liste der Normalität

Jenseits von Schwarz und WeißEin hilfreicher Ansatz ist auch die Erforschung des Normalen. Nimm dir Zettel und Stift und schreibe alles auf, was für dich „normal“ ist. Zum Beispiel ist für mich „normal“, dass man beim Betreten eines Geschäftes grüßt oder dass man in einer Bibliothek leise ist. Was ist für dich alles normal?

Überlege dann, warum gerade diese Dinge für dich normal sind. Vielleicht, weil alle es so machen? Weil man es dir so beigebracht hat? Weil es als Regel auf einer Tafel steht? Weil …

Wie würdest du Personen bezeichnen, die sich abseits dieser von dir als normal empfundenen Liste verhalten? Verrückt, gefährlich, komisch, … ?

Auf unserem schönen Planeten gibt es über 7 Milliarden Menschen in unzähligen Kulturen und Subkulturen. Würde man alle 7 Milliarden Menschen eine Liste der für sie normalen Dinge anfertigen lassen, hätte man am Schluss wahrscheinlich 7 Milliarden unterschiedliche Listen – manche mit gravierenden Unterscheidungen, manche nur mit marginalen. Was als „normal“ gilt, ist immer stumme oder laute Vereinbarung (Konvention) von mindestens zwei Mitgliedern einer Gemeinschaft. 

Wenn du also das nächste Mal jemanden verurteilst, überlege dir, was wohl auf dessen Normal-Liste so draufsteht. Und versuche, den Menschen für einen Moment ohne Urteils-Zuschreibung zu betrachten. Einfach so, wie er sich dir präsentiert. 

Das alles wird mir als Geschworene natürlich überhaupt nicht helfen, an diesen fünf Tagen pro Jahr. Auf der Leinwand der Rechtssprechung ist neben Schwarz und Weiß nicht viel Platz. Doch an den 360 anderen Tagen des Jahres, da darf mein Leben ruhig etwas bunter sein … Und deines?

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