Keine Angst vor Tränen – ein Aufruf

Ich gehöre zu den Menschen, die sich mit dem Weinen eher schwer tun. Teilweise vergehen Monate oder Jahre, ohne dass ich auch nur ein einziges Tränchen verdrücke – und das, obwohl die letzten Jahre durchaus kein Zuckerschlecken waren. Selbst bei schweren Schicksalsschlägen wie Todesfälle in der Familie war es so, dass ich an einem einzigen Tag geweint habe und dann lange nicht mehr oder sogar nie wieder, während die Menschen um mich herum noch Monate lang ihre Trauer durch Tränen zum Ausdruck bringen konnten. Lange Zeit dachte ich, mit mir stimmt was nicht – dass ich kaltherzig oder gefühlstot sei. Doch mittlerweile weiß ich, dass das keineswegs so ist. Ich habe einfach nur gelernt, dass Schwäche zu zeigen nicht angesagt ist und dass Tränen offenbar ein Zeichen von Schwäche sind. Was – für – ein – Bullshit!! Das Gegenteil ist der Fall: keine-angst-vor-tranen00003Ich habe eine irre Angst, schwach zu wirken und die Kontrolle zu verlieren, wenn ich weine – und genau diese Angst vor der Schwäche IST die Schwäche! In einem Zustand der Angst sind wir niemals stark. Erst wenn wir die Angst überwinden, kann sich unsere Kraft zielgerichtet zu wahrer Stärke entwickeln. Es ist somit mutiger, zu seinen Gefühlsreaktionen zu stehen und sie auszudrücken – in dem Wissen, dass man die Kraft besitzt, danach aus dem Loch wieder emporzukriechen und nicht von einem Meer an Tränen hinfortgespült zu werden. Klar ist es in manchen Situationen toll und auch sinnvoll, wenn man seine Gefühle im Griff hat – man behält einen „kühlen“ Kopf in Ausnahmesituationen und kann rational bleiben, wo andere emotional werden. Das ist eine Fähigkeit, die durchaus in vielen Situationen hilfreich ist. ABER (da ist es, das große Aber): Es sollte eine wählbare Option sein, einen kühlen Kopf zu behalten – und nicht die einzig verfügbare Handlungsoption. Ich möchte wählen können, wo ich rational und wo ich emotional reagiere. Mal Haltung bewahren und mal einfach fallen lassen können.

Wenn du auch zu den Menschen gehörst, die selten weinen und es als schwach empfinden, wenn jemand weint, dann überlege, woher das bei dir kommt. Wer hat dir das eingeredet? Welche Teile von dir, die auch wahr sind, musst du unterdrücken, um vermeintlich „stark“ zu sein? Was würde möglich werden, wenn du deine Gefühle authentisch und unmittelbar zum Ausdruck bringen könntest?

keine-angst-vor-tranen00002In unserer Happiness-Gesellschaft sind „schlechte“ Gefühle nicht populär. Traurig zu sein ist nicht „in“ und trotzdem sind es die meisten von uns regelmäßig! Ist ja auch klar – wer bitteschön ist denn schon andauernd nur happy? Wenn wir den unterschiedlichen und mitunter heftigen Herausforderungen des Lebens begegnen und dabei immer sofort voller Freude und Glücksgefühl wären, würden wir uns bald ziemlich langweilen mit dieser ständigen Zufriedenheit. Es gäbe nichts mehr zu überwinden, nichts mehr zu akzeptieren, nichts mehr zu erkennen. So vieles gibt es in dem Wechselspiel von „guten“ und „schlechten“ Gefühlen, das uns Erkenntnis, Wachstum und Reifung bringt! Als Menschen sind wir mit einem großen und facettenreichen Gefühlsleben ausgestattet – und jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung. Nicht zuletzt deshalb, weil uns jedes Gefühl seine ganz spezielle, eigene Lektion lehrt und uns Wahrnehmungs-Dimensionen eröffnet, die einzigartig sind. Deshalb sage ich zu dir und auch zu mir: Wenn wir das nächste Mal traurig oder gerührt sind, dann lass uns mutig sein und weinen! Lass uns neugierig sein, und jedes Gefühl wach erforschen. Lass uns voll und ganz leben, mit allem Guten und allem Schlechten und allem dazwischen. 

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