Hochsensitivität: Ein Kosmos der Sinnlichkeit

Der Begriff der Hochsensitivität (bzw. Hochsensibilität) ist derzeit in aller Munde. Während die Beschäftigung mit dieser Thematik für Betroffene zumeist Erleichterung bringt, ist sie für viele Menschen irritierend: Nur allzu oft werden hochsensitive Menschen als „Sensibelchen“ oder „Schwächlinge“ verkannt, was sie keineswegs sind.

Was ist nun Hochsensitivität genau? Welche Herausforderungen, aber auch welche Chancen birgt sie? Und wie erkennst du, ob du hochsensitiv bist?

HSP – Highly Sensitive Person

Unter einer „Highly Sensitive Person“ (HSP) versteht man eine Person, die über ihre Sinne intensiver und detaillierter wahrnimmt als der Großteil der Menschen. Der Begriff HSP wurde 1996 von der amerikanischen Psychologin und Psychotherapeutin Elaine N. Aron begründet, welche als Universitätsprofessorin seit Jahrzehnten aktiv zu diesem Thema forscht und lehrt. Laut ihren Studien sind etwa 15 – 20 Prozent der Bevölkerung hochsensitiv, was alleine in Österreich zwischen 1,3 – 1,7 Millionen Menschen sind!

Hochsensitivität 3Wichtig ist zu verstehen, dass es sich bei HSP nicht um ein Krankheitsbild handelt, sondern um eine Erklärung für eine anders geartete Reizwahrnehmung und -verarbeitung. Viele Betroffene spüren von Kind an, dass sie „anders“ sind, sensibler reagieren und mehr Rückzug und Erholung als andere brauchen. Gerade der Aufenthalt in Gruppen (wie etwa das Klassenzimmer mit vielen Mitschülern) kann für hochsensitive Kinder als besonders stresserzeugend und anstrengend empfunden werden. Auch im Heranwachsen und später als Erwachsene fühlen sich Hochsensitive oftmals den Anforderungen des modernen Lebens nicht gewachsen: Vieles geht ihnen zu schnell, zu laut, zu intensiv oder zu hektisch.

Auf der anderen Seite zeichnen sich HSP durch ihre hohe Einfühlsamkeit aus und können besonders gut Stimmungen und Emotionen ihres Gegenübers erkennen und darauf adäquat reagieren, wodurch sie prädestiniert sind für Berufe wie Coach, Psychologe, Therapeut und alle Formen von Energiearbeit.

Eigenschaften der Hochsensitivität

Es gibt eine Reihe von Eigenschaften, die typisch sind für hochsensitive Menschen. Nicht alle HSP weisen alle diese Merkmale auf bzw. nicht immer in der gleichen Intensität.

  • Klare Wahrnehmung von Feinheiten und Subtilem
  • Komplexes Innenleben mit hoher Selbstreflexion
  • Empfindlichkeit gegenüber lauten Geräuschen und/oder grellen Lichtern
  • Hohe Schmerzempfindlichkeit
  • Rasche Reizüberflutung, beispielsweise in Kaufhäusern
  • Starke Wahrnehmung von Stimmungen und Energien
  • Gewissenhaftigkeit und ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Überdurchschnittlich entwickelte Intuition und/oder Medialität
  • Tiefe Empfindsamkeit für Kunst und Musik
  • Starkes Harmoniebedürfnis, Konfliktscheue
  • Neigung, größere Menschengruppen zu vermeiden
  • Hohe Empathiefähigkeit und Einfühlungsvermögen

Entgegen der gängigen Annahme: Nicht alle Hochsensitiven sind automatisch introvertiert. Zwar sind ca. 70 Prozent der HSP von eher zurückhaltendem Charakter, doch immerhin 30 Prozent sind sozial extravertiert, haben einen großen Freundeskreis und genießen sogar die Gesellschaft von größeren Gruppen. Der Unterschied zu Nicht-HSP-Extravertierten ist, dass letztere sich in geselligen Runden entspannen, während hochsensitive Extravertierte dies nicht können – wenn sie beispielsweise einen intensiven Arbeitstag hatten, verzichten sie trotz ihrer extravertierten Art auf Gesellschaft.

Besonderheit: HSS

Es gibt einen Teil der Hochsensitiven, welche zugleich „High Sensation Seeker“ (kurz: HSS) sind. Das heißt, dass diese Personen ständig auf der Suche sind nach neuen, starken und komplexen Eindrücken und Erfahrungen, was aufgrund der Ambivalenz zwischen Reizsuche und rascher Reizüberflutung besonders fordernd sein kann. Im Buch „Hochsensibilität in der Liebe“ von Elaine Aron beschreibt es ein HSP/HSS-Klient wie folgt: „Ich habe immer das Gefühl, mit einem Fuß auf dem Gaspedal und dem anderen auf der Bremse zu stehen.“ (S. 61f.)

Hochsensitive im Berufsleben

Viele Hochsensible arbeiten als Selbständige oder Freiberufler, da eine selbstbestimmte Zeiteinteilung eine wichtige Rolle für die Aufrechterhaltung ihres seelischen Wohlbefindens darstellt. Als festangestellte Mitarbeiter zeigen sich HSP oft perfektionistisch, verlässlich, genau und weisen eine hohe soziale Kompetenz auf, weswegen ihnen oftmals verantwortungsvolle Aufgaben zugewiesen werden. Die Wahrung von Grenzen ist hier für ein dauerhaft zufrieden stellendes Arbeitsverhältnis entscheidend! Hochsensitive Menschen sollten sich die Worte „Nein“ und „Stopp“ zum Freund machen. Hochsensible Mitarbeiter sind eher selten beim After-Work-Drink dabei, überspringen Small Talk zugunsten eines tiefergehenden Gesprächs und wirken auf ihre Kollegen manchmal nicht so ganz greifbar.

Hochsensitivität in der Partnerschaft

Hochsensitive 1HSP mit HSP: Kommen zwei hochsensitive Menschen in einer Liebesbeziehung zusammen, hat dies eine Reihe von positiven Aspekten: gegenseitiges Einfühlungsvermögen, Harmonie, spirituelle Erfahrungen in der Sexualität, große Gefühlstiefe und tiefgründige Gespräche, um nur einige davon zu nennen. Doch es ergeben sich für hochsensitive Paare auch ganz besondere Herausforderungen, wie etwa die Schwierigkeit sich abzugrenzen, die Gefahr einer gemeinsamen Abschottung von der Welt, hohe Konfliktscheue und eine früher erreichte Belastbarkeitsgrenze, was sich insbesondere mit Kindern als schwierig herausstellen kann.

HSP mit Nicht-HSP: Finden eine hochsensitive und eine normalsensitive Person zusammen, so gibt es auch hier einige ganz spezifische Vorteile und Herausforderungen. So können sich Partner einer solchen Beziehung gegenseitig ideal ergänzen, voneinander lernen und sich angezogen fühlen von der Andersartigkeit des Partners. Als schwierig könnte sich ein Gefühl von Unverständnis und mangelnder Toleranz sowie der unterschiedliche Umgang mit Konfliktsituationen herausstellen.

Hilfreiche Maßnahmen für das seelische Wohlbefinden

Folgende Erholungsstrategien können HSP helfen, den Zustand der (chronischen) Reizüberflutung auszugleichen und wieder in einen entspannten Gemütszustand zu finden:

  • Hochsensitivität 1Zeit in der Natur verbringen
  • Bewegung wie Walken, Laufen, Tanzen, etc.
  • Regelmäßige Pausen machen
  • Meditation und stille Phasen
  • Beschäftigung mit Kunst
  • Alle Arten von Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga, etc.
  • Regelmäßig essen – Unterzuckerung vermeiden

Bist du hochsensitiv?

Wenn du zu den 15 – 20 Prozent der Gesellschaft gehörst, die hochsensibel sind, hast du dich in diesem Artikel wahrscheinlich bereits wiedererkannt.

Für alle, die sich nicht ganz sicher sind, hat Elaine Aron einen Fragebogen entwickelt, der auf ihrer Homepage kostenlos zugänglich ist (in englischer Sprache). Einfach die Fragen durchgehen und mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Hier geht es zum Test: Are You Highly Sensitive?

HSP: Fluch oder Segen?

Ob man seine Hochsensitivität als Fluch oder Segen empfindet, kommt stark darauf an, ob man gelernt hat, seine Grenzen zu wahren und rechtzeitig zu erkennen, wann man Rückzug benötigt. Schaffen es hochsensitive Menschen, ihre Reizüberflutung durch Entspannungstechniken und genügend Freiraum niedrig zu halten bzw. auszugleichen, können sie sich ihre ausgeprägte Wahrnehmung und feine Empfindsamkeit zunutze machen – etwa in sozialen oder humanitären Berufen, in der Schaffung von Kunstwerken oder auch für das Treffen alltäglicher Entscheidungen, die Pflege erfüllender Beziehungen sowie die gezielte Erforschung ihres Innenlebens .


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